
Die Vision und das Konzept des FFDN
In meiner täglichen Arbeit als Psychotherapeut drängt sich mir eine Erkenntnis immer wieder auf: Die starren Kategorien, in die wir menschliches Erleben pressen, stoßen an ihre Grenzen. Wenn wir über Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) oder die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sprechen, herrscht oft noch ein dichotomes Verständnis vor: Man „hat“ es oder man „hat es nicht“. Es gibt „Neurotypische“ und „Neurodivergente“. Doch die klinische Realität ist weitaus bunter, komplexer und – vor allem – individueller.
Das Problem mit der Syndromschwelle
Oft begegnen mir Menschen, deren Leid enorm ist, die aber knapp unter der diagnostischen „Syndromschwelle“ bleiben. Sie erfüllen vielleicht nicht alle Kriterien für eine offizielle ASS-Diagnose, kämpfen aber täglich mit einer massiven sensorischen Reizüberflutung oder einer exekutiven Dysfunktion, die ihr Leben lähmt.
Das aktuelle System ist in seinem Verständnis von psychischen Problemen an dem Schwarz/Weiss Schema der Diagnosesysteme orientiert. Ich bin hingegen aus meiner Erfahrung heraus zutiefst skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass wir eine klare Linie in den Sand ziehen können, die Neurodiversität klar von Neurotypie trennt. Wir müssen weg von der rein syndromalen Sichtweise und hin zur Beschreibung individueller Neurotypen. Neurodiversität ist kein binärer Zustand, sondern ein multidimensionaler Raum, in dem wir uns alle bewegen. Um menschliches Leid wirklich zu verstehen, müssen wir die subtilen Nuancen erfassen – auch und gerade jene, die herkömmliche Raster ignorieren – etwa die Identität, die Körperwahrnehmung und das emotionale Erleben.
Was ist der FFDN
Aus diesem Bedürfnis heraus entstand der FFDN: Fragebogen für funktionell-dimensionale Neurodiversität. Der Name ist Programm:
- Funktionell: Es geht nicht um das „Label“, sondern darum, wie das Nervensystem im Alltag funktioniert.
- Dimensional: Wir messen Ausprägungen auf einem Kontinuum, statt Ja/Nein-Entscheidungen zu treffen.
- Neurodiversität: Wir erkennen die natürliche Vielfalt menschlicher Informationsverarbeitung an.
Die 4 Säulen der Neurodiversität
Der FFDN basiert auf einer theoretisch fundierten Struktur, die das menschliche Erleben in vier große Dimensionen unterteilt:
- Sensorik und Physiologie (Input): Hier erfassen wir, wie Reize aufgenommen werden. Es geht um interozeptive Wahrnehmung (Hunger, Schmerz), sensorische Filterleistung (Habituation an Geräusche/Licht) und die Fähigkeit zur Regeneration .
- Emotion und Emotionsregulation (Processing): Diese Dimension blickt auf die affektive Reaktivität – wie schnell und wie lange Gefühle nachhallen – sowie auf die Kompetenz zur emotionalen Distanzierung und Belastbarkeit innerhalb des „Window of Tolerance“ .
- Exekutive Funktionen (Control): Die „Schaltzentrale“ des Gehirns. Wir messen Aufmerksamkeit, Planungsfähigkeit, Impulskontrolle, Zeitperzeption und die oft unterschätzte „Inertia“ (die Schwierigkeit, Handlungen zu initiieren) .
- Soziale Kognition & Regulation (Schnittstelle): Wie interagiert das Individuum mit der Umwelt? Themen wie nonverbale Kommunikation, Theory of Mind, soziale Assertivität und das Phänomen des „Masking“ (die anstrengende soziale Anpassungsleistung) stehen hier im Fokus .
Der Weg von der Theorie zur Praxis – Wir brauchen Ihre Hilfe!
Der FFDN ist kein theoretisches Gedankenspiel geblieben. Die erste wichtige Phase ist vollbracht: Eine theoretisch fundierte Rohfassung mit insgesamt 174 Items steht. Auch die technische Infrastruktur wurde bereits in einer ersten kleinen Welle erfolgreich auf Herz und Nieren geprüft. Das Feedback der ersten Teilnehmer war entscheidend, um den Fragebogen sprachlich und logisch zu verfeinern.
Die „Große Welle“: Ziel N=200
Jetzt treten wir in die nächste entscheidende Phase ein. Wir starten die „Große Welle“ der Datenerhebung. Unser Ziel ist eine Stichprobe von mindestens 200 TeilnehmerInnen.
Warum ist das wichtig? Statistik ist das Rückgrat der Validität. Mit 200 Datensätzen können wir die Konstruktion des Fragebogens mathematisch überprüfen. Wir wollen wissen: Messen die Fragen wirklich das, was sie messen sollen? Sind die Ober- und Unterdimensionen sinnvoll gewählt? Zudem ermöglicht uns diese Stichprobe die Erstellung einer ersten „Eichstichprobe“. Nur so können wir später individuelle Ergebnisse in einen sinnvollen Vergleichskontext setzen und die Auswertung für den klinischen Alltag präzisieren.
Die Vision: Awareness und freier Zugang
Doch das ist erst der Anfang. Mein langfristiger Plan (der noch mit den entsprechenden Gremien abgestimmt werden muss) sieht vor, den FFDN als offizielles Forschungsprojekt in einer psychotherapeutischen Fachgesellschaft zu verankern.
Wir wollen eine große Stichprobe innerhalb des ambulanten Psychotherapie-Sektors erheben. Das Ziel ist zweierlei:
- Awareness schaffen: PsychotherapeutInnen sollen für die Bedeutung dimensionaler Neurodiversität sensibilisiert werden. Wir wollen zeigen, dass hinter vielen scheinbaren „Persönlichkeitsstörungen“ oder „therapierefraktären Depressionen“ oft schlicht eine unerkannte neurodivergente Konstitution steckt.
- Bessere Versorgung: Durch die Verbreitung des dimensionalen Konzepts ermöglichen wir passgenauere Therapien, die das Nervensystem des Gegenübers wirklich berücksichtigen, statt gegen es zu arbeiten.
Am Ende dieses Weges soll eine validierte Endversion des FFDN stehen, die im gesamten deutschsprachigen Raum kostenfrei online zur Verfügung gestellt wird. Ein Werkzeug von TherapeutInnen für TherapeutInnen – und für alle Menschen, die sich selbst besser verstehen wollen.
Wie Sie beitragen können
Ein Projekt dieser Größenordnung lebt vom Mitmachen.
- Für Interessierte: Nehmen Sie an der aktuellen Erhebung teil. Jeder Datensatz zählt!
- Für KollegInnen: Wenn Sie klinisch tätig sind, nutzen Sie das Konzept in Ihrer Arbeit. Testen Sie den dimensionalen Blickwinkel.
- Für Feedback-GeberInnen: Ihre Kritik macht das Instrument besser.
Haben Sie Anmerkungen, Fragen oder möchten Sie den Fragebogen in Ihrer Praxis testen? Schreiben Sie mir direkt. Als Testautor ist mir der Austausch mit Interessierten ein Anliegen.
Kontakt: daniel.weigl@verhaltenstherapeut.wien
Lassen Sie uns gemeinsam die Art und Weise verändern, wie wir über neurobiologische Vielfalt denken. Weg vom Syndrom, hin zur Dimension.