Die systematische Erfassung des psychopathologischen Status stellt ein unverzichtbares Fundament der psychiatrischen, psychotherapeutischen und klinisch-psychologischen Arbeit dar. Als detaillierte Bestandsaufnahme des aktuellen psychischen Befundes erlaubt er eine phänomenologisch präzise Erfassung von Denkstörungen, Affektveränderungen, Wahrnehmungsauffälligkeiten und weiteren Funktionsbereichen. Er bildet nicht nur die Basis für eine fundierte Diagnostik und Indikationsstellung, sondern sichert auch die Qualität der Behandlungsverläufe und erleichtert den fachlichen Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen.

Dennoch begegnen wir im Praxis- und Klinikalltag des Jahres 2026 noch immer häufig manuellen Notizen auf Papier oder unstrukturierten Freitextdokumenten. Diese analoge oder unvollständig digitalisierte Vorgehensweise ist verständlich, bringt jedoch bekannte Tücken mit sich: Der Zeitaufwand für das händische Ausformulieren ist erheblich, die Aufzeichnungen variieren stark in ihrer Vollständigkeit und der Transfer in elektronische Dokumentationssysteme gestaltet sich oft zäh.

PSYCHOPATH: Ein pragmatisches Werkzeug für den Alltag

Um dieser Herausforderung mit einer einfachen Lösung zu begegnen, wurde das webbasierte Anwendungswerkzeug PSYCHOPATH entwickelt, das unter pp.verhaltenstherapeut.wien kostenfrei zur Verfügung steht. Das Tool versteht sich keinesfalls als Ersatz für das klinische Urteilsvermögen, sondern als eine schlanke, strukturelle Entlastung für Fachkolleginnen und Fachkollegen im Erhebungsprozess.

Die Architektur des Instrumentariums basiert auf einer dreistufigen Hierarchie, die den diagnostischen Möglichkeitsraum möglichst umfassend abbilden möchte. Auf der ersten Ebene stehen 15 Hauptkategorien bereit, die sich auf der zweiten Ebene in insgesamt 65 Unterkategorien gliedern. Dies entspricht einem Durchschnitt von 4,33 Unterkategorien pro Oberkategorie. Auf der untersten Ebene bieten schließlich 614 granular aufgefächerte Ausprägungseinträge und Einzelmerkmale – durchschnittlich 9,45 Merkmale pro Unterkategorie – die Möglichkeit, feingliedrige Befundaspekte schnell und präzise auszuwählen.

Bedienkomfort und methodische Ergänzung

Bei der Gestaltung wurde besonderer Wert auf eine fokussierte Ergonomie gelegt, um eine routinierte Anwendung im Berufsalltag möglichst komfortabel zu gestalten. Um eine Überflutung mit Informationen auf dem Bildschirm zu vermeiden, ist stets nur jene Kategorie aufgeklappt, die gerade bearbeitet wird. Zu jedem ausgewählten Merkmal lassen sich mit wenigen Klicks sowohl die Informationsquelle – unterteilt in Patientenauskunft, Verhaltensbeobachtung, Fremdanamnese oder eine unzugeordnete Erfassung – als auch der Ausprägungsgrad von leicht über moderat bis schwer festlegen. Farbige Rückmeldungen geben zudem jederzeit Auskunft über den Bearbeitungs- und Vollständigkeitsstatus einzelner Unter- und Hauptkategorien. Sollte ein individueller Sachverhalt nicht durch den vorgegebenen Kriterienkatalog abgedeckt sein, erlaubt ein „…“-Symbol in jeder Kategorie die nahtlose Eingabe von individuellem Freitext.

Als methodische Hilfestellung beinhaltet PSYCHOPATH einen integrierten Info-Modus. Durch Klicken auf das „?“- bzw. „i“-Symbol und das anschließende Anwählen eines Merkmals wird eine prägnante Definition des jeweiligen Fachbegriffs eingeblendet. Diese Funktion richtet sich insbesondere an Berufseinsteiger:innen, Assistenzärzt:innen sowie Psychotherapeut:innen in Ausbildung, um das Nachschlagen im Erhebungsalltag zu erleichtern.

Datenschutz, lokale Speicherung und LLM-Einbindung

Der Schutz sensibler Daten hat in der psychotherapeutischen und psychiatrischen Arbeit oberste Priorität. PSYCHOPATH speichert sämtliche Eingaben ausschließlich im lokalen Cache des verwendeten Webbrowsers und verzichtet somit auf jegliche Kommunikation mit externen Servern, was viele Datenschutzrisiken eliminiert. Dadurch bleibt der Erhebungsstand auch bei einem versehentlichen Schließen des Fensters vollständig erhalten. Um die parallele Bearbeitung mehrerer Fälle zu ermöglichen, stehen fünf voneinander unabhängige Speicher-Slots bereit. Darüber hinaus können Befunde als lokale .txt-Datei exportiert, gesichert und bei Bedarf jederzeit wieder in das System reimportiert werden.

Ein zentrales Element des Tools ist die Vorbereitung der erfassten Daten für die Weiterverarbeitung durch Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs). Über die Schaltfläche „In Zwischenablage kopieren“ werden die strukturierten Angaben in einen optimierten Prompt umgewandelt. Dieser kann in ein präferiertes Sprachmodell eingefügt werden, welches innerhalb weniger Sekunden einen flüssig ausformulierten Befundtext generiert. Es gilt natürlich die Empfehlung, personenbezogene Daten vor der Nutzung kommerzieller Cloud-Modelle konsequent zu entfernen oder zu anonymisieren beziehungsweise für sensible Inhalte ausschließlich datenschutzkonforme oder lokal betriebene Sprachmodelle zu verwenden.

Vom Datensatz zum Fließtext: Ein Anwendungsbeispiel aus der Praxis

Um die Funktionsweise im Behandlungsalltag zu verdeutlichen, zeigt das folgende Beispiel die Transformation von der strukturierten Datenerfassung im Tool hin zum fertig ausformulierten Befundbericht.

Nach der Auswahl der relevanten Merkmale generiert PSYCHOPATH per Klick auf „In Zwischenablage kopieren“ einen vorkonfigurierten Prompt für das gewählte Sprachmodell. Dieser enthält neben der Regieanweisung („Formuliere aus den stichpunktartigen Angaben einen professionellen, präzisen und flüssigen psychopathologischen Befundbericht in Fließtext“) die gewählten Haupt- und Unterkategorien samt Quellenzuordnung, Intensität und individuellen Freitextangaben.

Auszug aus einem exportierten Prompt:

1. ERSCHEINUNGSBILD & SINNESWAHRNEHMUNG
Kleidungsstil: alternativ (Quelle: Verhaltensbeobachtung)
Sinneswahrnehmung: akustische Reizverarbeitungsstörung (Intensität: moderat; Quelle: Patientenauskunft)

3. DENKABLAUF & DENKINHALTE
Formales Denken: beschleunigt, weitschweifig, sprunghaft (Quelle: Verhaltensbeobachtung)

8. AFFEKTIVITÄT
Stimmung: ausgeglichen (Quelle: Patientenauskunft)
Affekt & Regulation: reduzierte Schwingungsfähigkeit im positiven wie negativen Bereich, Affektverflachung (Quelle: Verhaltensbeobachtung)

9. ÄNGSTE & ZWÄNGE
Ängste: Trennung (Quelle: Patientenauskunft); Freitext: phobische Ängste vor menschenähnlichen, unbelebten Objekten („Uncanny Valley“) (Quelle: Patientenauskunft)
Das Sprachmodell übersetzt diese Bausteine anschließend in eine flüssige, klinisch adäquate Fachsprache, ohne Informationstiefe einzubüßen:

Vom Sprachmodell ausformulierter Befundtext (Auszug):

„Der/Die Patient:in präsentiert sich in einem altersentsprechenden Allgemeinzustand und gepflegtem Äußeren bei alternativ geprägtem Kleidungsstil. […] Der Sprachfluss ist leicht beschleunigt bei gesteigertem Rededrang; das formale Denken stellt sich beschleunigt, weitschweifig und sprunghaft dar. Neben einer berichteten moderaten akustischen Reizverarbeitungsstörung umfasst das Ängstespektrum Trennungsängste sowie spezifische phobische Befürchtungen vor menschenähnlichen, unbelebten Objekten („Uncanny Valley“).

Die Stimmung wird subjektiv als ausgeglichen beschrieben. Objektiv imponiert eine Affektverflachung beziehungsweise Affektarmut mit beidseitig reduzierter Schwingungsfähigkeit im positiven wie negativen Bereich. […]“

An diesem Beispiel zeigt sich der wesentliche Vorteil der Kombination aus strukturierter Vorerfassung und sprachmodellgestützter Synthese: Die Trennung zwischen subjektiven Patientenangaben und objektiver Verhaltensbeobachtung bleibt sauber erhalten, individuelle Freitextphänomene fügen sich natürlich in den Gesamtkontext ein, und der Zeitaufwand für das reine Verfassen reduziert sich auf ein Minimum.

Die 15 Hauptkategorien im phänomenologischen Überblick

Die inhaltliche Strukturierung von PSYCHOPATH orientiert sich an dem Anspruch, breite Phänomenbereiche der klinischen Praxis verlässlich abzudecken, ohne die Handhabung im Alltag zu verkomplizieren. Die 15 Hauptkategorien führen systematisch durch das Erhebungsspektrum.

Der Einstieg erfolgt über die Beobachtung von Erscheinungsbild & basaler Wahrnehmung (u. a. Hygiene, Kleidungsstil, Sensorik) sowie die klassischen Parameter von Bewusstseinslage & Orientierung. Es folgen das Formale Denken und Denkinhalte (inklusive Wahnphänomenen) und der eigenständige Modulbereich Sprachgebrauch, der sprachliche Auffälligkeiten von rein motorischen Phänomenen trennt. Die Psychomotorik, kognitive Funktionen wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit im Modul Kognition sowie Wahrnehmung & Ich-Erleben decken weitere psychopathologische Kernbereiche ab.

Darüber hinaus erfasst das Werkzeug emotionale und verhaltensbezogene Dynamiken in den Modulen Affektivität, Ängste & Zwänge sowie Somatik & Vitalfunktionen, welches von Schlafstörungen bis hin zu differenzierten Essstörungsmustern reicht. Ergänzt wird die Taxonomie durch die Module Substanzgebrauch & Medikation, Gefährdungspotenzial (Suizidalität und Fremdgefährdung), Interaktion & Sozialverhalten sowie Selbstkonzept & Krankheitsverarbeitung. Den Abschluss bildet die Erfassung des Untersuchungsrahmens, um eventuelle Erhebungseinschränkungen transparent zu dokumentieren.

Konzeptionelle Einordnung im Vergleich zum AMDP-System

Das von der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie entwickelte AMDP-System stellt seit Jahrzehnten den etablierten Standard für die Befunderhebung im deutschsprachigen Raum dar. Es wurde historisch vor allem für die rasche, syndromorientierte Querschnittserfassung im stationären psychiatrischen Kontext entworfen. PSYCHOPATH versteht sich nicht als Konkurrenz zu diesem Fundament, sondern als ein behutsamer Versuch, die bewährten phänomenologischen Grundlagen an verhaltenstherapeutische und ambulante Versorgungsrealitäten anzupassen.

Inhaltlich deckt PSYCHOPATH die klassischen psychiatrischen Kernbereiche des AMDP-Systems vollständig ab, wählt jedoch im strukturellen Gesamtaufbau eine funktionale Entkopplung. Während das AMDP-System Phänomene oft in breiteren syndromalen Clustern zusammenfasst, trennt PSYCHOPATH verschiedene Funktions- und Verhaltensebenen konsequenter voneinander – etwa sprachliche Besonderheiten von der reinen Motorik oder interaktionelle Verhaltensweisen von affektiven Symptomen. Zudem erweitert das System den diagnostischen Blickraum um Aspekte der modernen Verhaltensmedizin, der Trauma- und Dissoziationsdiagnostik sowie der subjektiven Krankheitsverarbeitung und Alltagsbeeinträchtigung.

Konsolidierung, Praxistest und Einladung zum Feedback

Die sinnvolle Entwicklung von Arbeitsmitteln für den Praxisalltag lebt vom kontinuierlichen Austausch und der Erprobung unter realen Versorgungsbedingungen. Mit dem aktuellen Stand von PSYCHOPATH geht es nun primär um eine Phase der Konsolidierung. Das Werkzeug soll sich im täglichen Einsatz bei Erstgesprächen, Befundungen und Verlaufsbeurteilungen in unterschiedlichen Settings bewähren.

Um das System schrittweise zu verfeinern, sind wir auf die praktischen Erfahrungen aus dem Kollegium angewiesen. Wir laden herzlich dazu ein, das Tool im eigenen Arbeitsalltag auszuprobieren und kritisch zu begleiten. Rückmeldungen zu kleinen Unstimmigkeiten, technischen Bedienhürden oder inhaltlichen Optimierungsmöglichkeiten sind uns sehr willkommen. Nur durch Rückmeldungen aus verschiedenen therapeutischen und psychiatrischen Fachtraditionen kann die Anwendung pragmatisch und passgenau nachjustiert werden.

Zukunftsmusik: Denkmögliche Weiterentwicklungen

Für die spätere Fortentwicklung existieren bereits erste Überlegungen, auch wenn diese vorerst noch Zukunftsmusik bleiben. Eine denkbare Perspektive bestünde in der Verknüpfung der bestehenden Taxonomie mit einem optionalen, digitalen Erhebungsleitfaden. Ein solcher interaktiver Leitfaden könnte Anwenderinnen und Anwender schrittweise durch jene Kategorien führen, die primär auf direkten Patientenangaben beruhen, und so die strukturierte Befragung im Erstkontakt noch flüssiger unterstützen.

Ein kollegialer Beitrag zur Entlastung

PSYCHOPATH versteht sich als ein kleiner Beitrag zur Erleichterung der täglichen Routine in Psychotherapie und Psychiatrie. Wenn es gelingt, wiederkehrende Standardprozesse bei der Befunddokumentation ein Stück weit zu vereinfachen und Qualitätssicherung mit zeitlicher Entlastung zu verbinden, ist das wesentliche Ziel erreicht. Auf diese Weise kann wieder etwas mehr Raum für das geschaffen werden, was im Mittelpunkt stehen sollte: die Beziehungsgestaltung und die direkte Arbeit mit unseren Patientinnen und Patienten. Wir freuen uns auf den fachlichen Austausch und Ihre Rückmeldungen.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Psychoedukation. Er ersetzt keine individuelle psychotherapeutische Diagnostik, Beratung oder Behandlung. Wenn Sie sich in einer schweren Krise befinden, wenden Sie sich bitte an den Notruf (z. B. Telefonseelsorge 142 oder den Psychosozialen Dienst Wien unter 01 31330).