
Jenseits der Couch: Warum wir Psychotherapie heute größer als Freud denken müssen
Aller Anfang ist schwer. So habe ich beschlossen, dass es wohl am sinnvollsten ist, zum Start dieses Blogs zunächst einmal mein psychotherapeutisches Menschenbild zu beschreiben. Ich hoffe, dadurch die Auswahl der weiteren Themen des Blogs nachvollziehbar zu machen und auch potentiellen PatientInnen einen Einblick in meine Denk- und Arbeitsweise geben zu können.
Ich habe ja den Eindruck, dass die Gesellschaft eine psychotherapeutische Sicht auf psychisches Leid beinahe vollständig akzeptiert hat. Darüber würde man bei einem Psychotherapeuten ja eigentlich eine gewisse Begeisterung erwarten. Dass diese bei mir ausbleibt, liegt daran, dass ich den Eindruck habe, dass diese Sichtweise wichtig aber zugleich auch sehr begrenzt ist und manchmal mehr schaden als nützen kann. Ich möchte hier eine Erweiterung anbieten.
Freuds Siegeszug in der gesellschaftlichen Sicht auf psychisches Leid
Es ist unbestreitbar: Sigmund Freud hat gewonnen. Nicht unbedingt mit jedem Detail seiner Theorien, aber mit seiner Denkweise. Die Psychotherapie hat einen beispiellosen Siegeszug angetreten und hält heute die Deutungshoheit über unser seelisches Befinden.
Wir sprechen im Alltag ganz selbstverständlich von „Traumata“, „inneren Kindern“ oder „Triggern“. Die Idee, dass wir psychisches Leid durch frühe, prägende Erfahrungen verstehen können, ist in unserer Gesellschaft die dominante Erzählung geworden. Diese Vorstellung ist charmant und oft auch treffend. Sie bietet uns eine narrative Struktur für unser Leid. Auch die Verhaltenstherapie hat sie in den 80ern integriert und als Konzept der „Automatischen Gedanken“, die frühen Erfahrungen entspringen, in ihre Theorie aufgenommen. Doch so wertvoll der Blick in die Biografie ist – er ist oft zu eng.
Der Mensch als komplexes Regelsystem
In meiner Praxis in Wien betrachte ich den Menschen nicht als reines Produkt seiner Vergangenheit, sondern als einen nach Selbstregulation strebenden Organismus. Wir sind Wesen, die auf Basis von Wissen und Plänen handeln, und damit ständig im Austausch mit unserer sozialen und materiellen Umwelt sind.
Wenn wir psychische Gesundheit verstehen wollen, müssen wir das gesamte „Ökosystem“ Mensch betrachten. Dieses besteht aus mehreren Ebenen, die wie Zahnräder ineinandergreifen:
1. Die biologische Basis: Hardware und Betriebssystem
Alles beginnt mit der Biologie, aber sie ist weit mehr als nur ein statisches Fundament. Sie ist die „Hardware“, auf der unser Erleben läuft.
- Neurodiversität: Wir müssen anerkennen, dass Gehirne unterschiedlich verdrahtet sind. Es existieren große Unterschiede zwischen den Menschen, etwa bezüglich der Emotionalität, der idealen Reizdichte in der Umwelt, der Handlungssteuerung oder des Verständnisses für und Umgangs mit anderen Menschen. Das sind Tatsachen, die wir berücksichtigen müssen um überhaupt erst verstehen zu können, was Menschen gut tut und was sie belastet.
- Dynamische Biologie: Unser Gehirn ist nicht unabhängig von unserem Körper. Daher wirkt unser Lebensstil (Bewegung, Ernährung, Schlaf) direkt auf die Neurochemie zurück. Gerade im Bereich der Forschung zu den Zusammenhängen zwischen Gehirn, Verdauungstrakt und Immunsystem ergibt sich wahnsinnig viel neues, was uns immer mehr demonstriert, wie sehr unsere Leistungsfähigkeit und Stimmung auch von körperlichen Aspekten beeinflusst werden.
- Entwicklung und Krankheit: Chronische Erkrankungen (z. B. Schilddrüsenerkrankungen oder Diabetes), hormonelle Umstellungen (wie Pubertät, Wechseljahre, Schwangerschaft), das Altern oder die Langzeitfolgen von Infektionen (wie Long-CoViD) können das psychische Gleichgewicht massiv verschieben, ohne dass ein Kindheitstrauma vorliegen muss.
2. Das soziale Gefüge: Bindung und Belastung
Wir existieren nicht im luftleeren Raum. Wir bewegen uns in sozialen Einheiten – von der Kernfamilie bis zum Freundeskreis. Diese Beziehungen können Puffer sein, die uns in Krisen halten, oder sie können selbst zur primären Belastungsquelle werden. Einsamkeit ist biologisch gesehen ebenso stressfördernd wie physischer Schmerz. Dabei gibt es vor allem zwei Muster: Der eine Teil befindet sich in Beziehungen, die sie belasten und in denen sie mehr geben als sie erhalten. Und die anderen leiden am Zustand der Beziehungslosigkeit und wissen nicht, wie sie Beziehungen aufbauen, erhalten und vertiefen sollen.
3. Die psychologische Landkarte: Erfahrung und Strategie
Hier betreten wir Freuds Territorium, aber wir betrachten es durch eine moderne Brille. Unsere Biografie ist die Schule unserer Wahrnehmung.
- Musterbildung: Durch frühe Interaktionen (Bindungserfahrungen) lernt unser Gehirn, wie die Welt funktioniert. „Bin ich sicher?“, „Muss ich leisten, um geliebt zu werden?“.
- Überlebensstrategien: Aus diesen Erfahrungen entwickeln wir Pläne und Schutzmechanismen. Was in der Kindheit eine brillante Überlebensstrategie war (z.B. Gefühle wegdrücken, um die Eltern nicht zu belasten), wird im Erwachsenenalter oft zur Blockade. Die Lösung von Gestern wird zum Problem von heute.
4. Der gesellschaftliche Rahmen: Status und Struktur
Oft vernachlässigt, aber entscheidend: Die materiellen Rahmenbedingungen. Unser sozioökonomischer Status, unsere Klasse, Geschlechterrollen oder die Erfahrung von Migration setzen die Grenzen unserer Möglichkeiten. Psychisches Leid ist oft auch eine gesunde Reaktion auf ungesunde gesellschaftliche Zustände, wie Diskriminierung oder prekäre Arbeitsverhältnisse. Die Psychologie hat oft eine individualisierende Wirkung – indem wir soziale Missverhältnisse als psychische Probleme eines Individuums verstehen, maskieren wir sie auch, was zusätzlich zu einer Vereinsamung der Betroffenen führt.
Wenn das System dekompensiert: Die Kaskade
Psychische Krankheit ist selten das Resultat eines einzelnen Faktors. Sie ist meist ein Kaskadeneffekt, bei dem die Pufferkapazitäten des Systems erschöpft sind.
Ein Beispiel aus der Praxis:
- Biologische Ebene (Neurodiversität): Eine Person mit nicht diagnostiziertem ADHS hat eine geringere natürliche Filterkapazität für Reize.
- Biographische Ebene: Um das zu kompensieren, hat sie das Muster entwickelt: „Ich muss mich doppelt so hart anstrengen wie alle anderen, um dazuzugehören.“
- Gesellschaftliche Ebene: Der Arbeitsmarkt verlangt ständige Erreichbarkeit und Multitasking (Druck steigt).
- Soziale Ebene: Durch die Überlastung in der Arbeit zieht sich die Person von Freunden zurück, der soziale Puffer bricht weg.
- Biologische Ebene (Körper): Der Dauerstress führt zu Schlafstörungen und schlechter Ernährung.
Das Ergebnis: Das System dekompensiert. Es folgt ein Burnout oder eine Depression. Hier nur „über die Kindheit zu reden“, würde zu kurz greifen.
Mein Ansatz: Gemeinsam das System regulieren
Verhaltenstherapie bedeutet für mich, genau hier anzusetzen. Es geht nicht nur darum, in der Vergangenheit zu graben, sondern Ihre Selbstregulationsfähigkeit im Hier und Jetzt zu stärken. Wir schauen uns die verschiedenen Ebenen an:
- Wo fehlen Kompetenzen oder Wissen (z.B. über das eigene neurodivergente Gehirn)?
- Wo braucht es neue Pläne und Strategien, die zu Ihrem heutigen Leben passen?
- Und wo müssen wir akzeptieren, dass biologische oder gesellschaftliche Faktoren den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen wir den größtmöglichen Freiraum schaffen?
Um das hier skizzierte komplexe Zusammenwirken der menschlichen Selbstregulation soll es in diesem Blog gehen. Ich möchte ohne irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit interessante Aspekte der verschiedenen Ebenen – von der Genetik bis zur Gesellschaftskritik – herausgreifen und ihre Relevanz für eine moderne Psychotherapie beleuchten. Dabei ist es mein Ziel stets eine wissenschaftliche Haltung einzunehmen, dabei jedoch auch stets die Grenzen und Schwächen der aktuellen wissenschaftlichen Praxis zu berücksichtigen. Ich hoffe, dass das für Sie von Interesse ist.