Ich bitte Sie gleich zu Beginn um Entschuldigung: Dieser Beitrag ist noch ein Stück länger geraten als meine ohnehin schon recht ausführlichen Blog-Artikel. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass wir der enormen Komplexität und der tiefgreifenden Tragweite dieses Themas nur dann gerecht werden können, wenn wir gründlich hinschauen.

In unserem psychotherapeutischen und klinisch-psychologischen Praxisalltag ist Long COVID längst zu einer relevanten Realität geworden. Das hat zwei wesentliche Gründe: Einerseits suchen immer mehr Betroffene verzweifelt nach Unterstützung, um mit den massiven Einschnitten in ihr bisheriges Leben umzugehen. Andererseits – und das ist ein besonders kritischer Punkt – kommen viele Patient:innen mit einer völlig unklaren Symptomatik zu uns oder werden von Mediziner:innen überwiesen. Nicht selten geschieht dies unter der vermeintlichen Diagnose einer „Depression“ oder „Angststörung“.
Oftmals leiden diese Menschen in Wahrheit jedoch an einer postviralen Erkrankung. Es ist ein strukturelles Problem in unserem Gesundheitssystem, dass ärztliche Instanzen psychische Diagnosen häufig als eine Art Verlegenheits- oder Restkategorie missverstehen, sobald die Standard-Laborwerte unauffällig sind. Dabei werden die Konsistenz und der zeitliche Verlauf der spezifischen Symptome oft nicht überprüft. Damit kommt uns Psychotherapeut:innen unfreiwillig eine wichtige Funktion zu: Wir müssen die Plausibilität psychischer Symptome kritisch hinterfragen und bei begründeten Zweifeln eine erneute, umfassendere organische Abklärung in die Wege leiten.
Das soll keineswegs so missverstanden werden, dass Long-COVID-Betroffene in einer psychotherapeutischen Praxis nichts zu suchen hätten. Eine so gravierende und langwierige somatische Erkrankung benötigt dringend Unterstützung bei den alltäglichen Herausforderungen sowie bei der emotionalen Bewältigung – genau so, wie es der bewährte Ansatz der Verhaltensmedizin vorsieht. Bei chronischen Krankheiten versagt leider das sonst gewohnte Prinzip der kurzfristigen Schonung, bei dem man einfach abwartet, bis die Selbstheilungskräfte des Körpers den alten Status quo wiederhergestellt haben. Die Betroffenen müssen stattdessen lernen, aktiv mit der Krankheit umzugehen, einen völlig neuen Alltag aufzubauen und die vielfältigen Belastungen emotional zu verarbeiten.
Zudem stellt der Umgang mit einem oft verständnis- oder ahnungslosen Gesundheitssystem die Betroffenen vor ständige, enorme Anforderungen. Sie müssen sich mit einem Sozialsystem auseinandersetzen, das sich seinen Verpflichtungen zu entziehen versucht, und sich in einer Gesellschaft behaupten, die kaum ein Konzept für den Umgang mit unsichtbaren chronischen Krankheiten aufweist. All das sind Kernbereiche, in denen die Verhaltenstherapie Menschen mit Long COVID wirksam unterstützen kann und sollte.
Was ist Long COVID? Die biologische Realität eines postviralen Syndroms
Long COVID – in der Medizin präziser als Post-COVID-Syndrom oder Post-acute Sequelae of SARS-CoV-2 (PASC) bezeichnet – ist ein hochgradig heterogenes, multisystemisches Krankheitsbild, das nach einer akuten Infektion fortbesteht oder sich erst nach einer scheinbaren Genesung völlig neu entwickelt. Im Kern handelt es sich hierbei (oft eng verwoben mit ME/CFS) um eine virusinduzierte, chronifizierte Störungskaskade. Der Infekt fungiert als biologischer Auslöser, der die körpereigenen Regulationssysteme in eine permanente, sich selbst aufrechterhaltende Fehlsteuerung treibt.
Betroffen sind vor allem die folgenden Systeme:
- Das autonome Nervensystem: Dies äußert sich beispielsweise in einer fehlerhaften Regulation von Puls und Blutdruck.
- Das Immunsystem: Hier kommt es zu chronischen Entzündungsprozessen und Autoimmunität.
- Der Metabolismus: Es zeigen sich gravierende Störungen des zellulären Energiestoffwechsels.
Damit reiht sich das Krankheitsbild nahtlos in das Spektrum der postakuten Infektionssyndrome (PAIS) ein – chronische Folgezustände, die auch nach anderen viralen oder bakteriellen Infektionen entstehen können. Klassifiziert wird es unter anderem unter den ICD-10-Code U09.9 sowie im ICD-11 unter RA02.
Die vier zentralen biologischen Prozesse im Körper
Um zu verstehen, was die Betroffenen durchmachen, müssen wir uns kurz in die Pathophysiologie begeben. Long COVID betrifft nicht nur die Lunge, sondern nahezu den gesamten Organismus. Die Forschung zeigt heute vor allem vier zentrale Mechanismen, die der Symptomatik zugrunde liegen1:
- Entzündungsprozesse im Gehirn („Brain Fog“): Anhaltende Entzündungsprozesse – möglicherweise unter Beteiligung fehlgeleiteter Antikörper (Autoantikörper) – können die Blut-Hirn-Schranke schädigen1, 2. Wird diese biologische Schutzwand durchlässig, können Entzündungsstoffe in das Nervensystem gelangen. Die Folge sind Durchblutungsstörungen im Gehirn, die sich als anhaltende Kopfschmerzen und der typische „Brain Fog“ (Gehirnnebel) äußern – ein Zustand massiver Konzentrations- und Wortfindungsstörungen.
- Mikrogerinnsel und Sauerstoffmangel: Im Blut der Betroffenen lassen sich winzige, sehr widerstandsfähige Gerinnsel nachweisen3. Diese Kleinstgerinnsel blockieren die feinsten Blutgefäße (Kapillaren). Dadurch wird der Sauerstofftransport in Muskeln und Organe behindert, was zu einer chronischen Unterversorgung des Gewebes führt.
- Gestörte Biochemie der Darm-Hirn-Achse: Das Virus greift häufig das Gewebe des Magen-Darm-Trakts an. Dies führt oft zu einem ausgeprägten Mangel an Tryptophan – einer Aminosäure, die der Körper zwingend benötigt, um den Botenstoff Serotonin herzustellen4. Ein sinkender Serotoninspiegel wiederum kann neuropsychiatrische Symptome wie Angstzustände und Depressionen auslösen.
- Multisystemische Fehlregulationen: Oft geraten mehrere Steuerungssysteme gleichzeitig aus der Balance. Typische Folgen sind das Posturale Orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS, eine Dysregulation des Herz-Kreislaufsystems), das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS, bei dem Immunzellen unkontrolliert Entzündungsstoffe ausschütten) und ME/CFS. Letzteres ist geprägt von der PEM (Post-Exertional Malaise): Jede noch so kleine körperliche oder mentale Anstrengung kann einen tagelangen, schweren Rückfall auslösen.
Das breite Spektrum der Auswirkungen auf das Leben
Die Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen sind stark vom Schweregrad der Störung abhängig. Sie bewegen sich auf einem breiten Spektrum, das von moderaten Einschränkungen bis hin zu massivsten Einbußen der Lebensqualität und der Alltagsbewältigung reichen kann. Während manche Patient:innen lediglich mit reduzierter Energie durch den Tag kommen, bedeutet die Erkrankung für andere einen dramatischen Bruch, der das bisherige Dasein komplett verunmöglichen kann.
Zu den prägnantesten Ausprägungen gehören kognitive und sensorische Symptome, die unter dem Begriff „Gehirnnebel“ zusammengefasst werden. Dieser kann von gelegentlichen Wortfindungsstörungen bis hin zu massiven mentalen Leistungseinbußen reichen, die es phasenweise unmöglich machen, einfache Texte zu erfassen oder am Bildschirm zu arbeiten – was die berufliche Leistungsfähigkeit je nach Tätigkeit stark einschränkt. Bei schwereren Verläufen kann zudem der Reizfilter des Gehirns versagen. Normales Tageslicht oder alltägliche Geräusche werden dann als körperlicher Schmerz wahrgenommen, sodass Betroffene sich phasenweise in komplett abgedunkelte Räume zurückziehen müssen.
Häufig kommt es auch zu der bereits erwähnten Belastungsintoleranz (PEM), bei der schon minimale Aktivitäten zeitversetzt tagelange Rückfälle auslösen. Das zwingt einen Teil der Erkrankten zu einem extremen Energiemanagement (Pacing), bei dem jeder Schritt im Voraus geplant werden muss, während andere lediglich eine ungewöhnlich lange Erholungsphase nach körperlicher Anstrengung bemerken.
Je nachdem, welche körpereigenen Systeme betroffen sind, treten zudem vegetative und biochemische Beschwerden auf. Ein typisches Phänomen ist hierbei eine Fehlregulation des Kreislaufs, die sich durch starkes Herzrasen beim bloßen Aufrichten sowie Schwindel äußert. Auch das Immunsystem kann fehlsteuern und eine Mastzellaktivierung auslösen, durch die der Körper plötzlich mit allergischen Schüben oder Magenkrämpfen auf zuvor völlig harmlose Lebensmittel reagiert. Sogar neuropsychiatrische Symptome wie plötzliche Angst- und Panikzustände sind möglich. Diese haben in diesem Kontext keine klassischen psychischen Ursachen, sondern sind die direkte biologische Folge einer gestörten Biochemie und chronischer Entzündungsprozesse im Körper.
Entsprechend variabel zeigen sich die existenziellen und sozialen Konsequenzen. Während Menschen mit milderen Verläufen trotz Einschränkungen und mit seltenen Krankenständen berufstätig bleiben können, bricht für sie oft „nur“ das soziale Leben und der Sport weg. Bei schweren Verläufen hingegen drohen durch langwierige Arbeitsunfähigkeit gravierende finanzielle Einbußen und die ständige Angst vor dem Arbeitsplatzverlust.
Was jedoch fast alle Betroffenen unabhängig vom Schweregrad teilen, ist die psychische Belastung durch die äußere Unsichtbarkeit der Erkrankung. Sie führt häufig zu einer zermürbenden medizinischen Odyssee und dem Kampf um Anerkennung bei Behörden und Kassen. Dies wiegt umso schwerer, da standardisierte Therapien noch fehlen und klassische Ratschläge wie „Aktivierung durch Sport“ den Zustand bei einer vorliegenden PEM sogar dauerhaft verschlimmern können.
Long COVID als stille Pandemie?
Die gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychische Dimension dieser Erkrankung wird in der öffentlichen Debatte massiv unterschätzt. Ich finde es erschreckend, wie eine Erkrankung so massive Schäden anrichten kann und gleichzeitig in Politik und Medien kaum mehr präsent ist. Ein Blick auf die Zahlen skizziert das Ausmaß der Situation:
Internationale Übersichtsarbeiten gehen davon aus, dass weltweit mindestens 65 Millionen Menschen von Long COVID betroffen sind1. Etwa 10 % bis 20 % aller Infizierten entwickeln längerfristige Beeinträchtigungen. Ein Blick auf Österreich veranschaulicht das Ausmaß: Schätzungen gehen von rund 500.000 Betroffenen5, 6 aus – etwa 7 % der Erwachsenen –, die bis heute mit chronischen, postinfektiösen Einschränkungen kämpfen.
Demgegenüber stehen erhebliche administrative Erfassungslücken. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) dokumentierte im Zeitraum von 2020 bis Mitte 2024 lediglich 104.199 abgeschlossene Krankenstände mit Diagnosen postakuter Infektionssyndrome (PAIS)7. Hunderttausende Betroffene scheinen somit in der statistischen Unsichtbarkeit zu verbleiben – sicherlich auch, weil sich für sie der Zugang zu einer klaren Diagnose im Versorgungssystem häufig als langwierig und hindernisreich gestaltet.
Die volkswirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen
Die Folgen für den Arbeitsmarkt und das psychosoziale Gefüge sind gewaltig:
- Arbeitsmarkteffekte: Long COVID betrifft deutlich mehr Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 50 Jahren als viele andere chronische Erkrankungen. Neben erhöhten Erwerbsaustritten und Absentismus ist der chronische Präsentismus ein gravierendes Problem: In einer niederländischen Kohortenstudie schleppten sich rund 43 % der berufstätigen Betroffenen8 trotz schwerer Symptome wie kognitiver Defizite und Schmerzen weiter an ihren Arbeitsplatz – oft aus existenziellem Druck oder Angst vor Kündigung. Die OECD schätzt, dass Long COVID ihre Mitgliedsländer – verlorene Lebensqualität und Arbeitskraft zusammengerechnet – jährlich bis zu rund eine Billion USD kostet9.
- Psychosoziale Belastungen: Die körperlichen Ausnahmezustände, die existenzbedrohende Lebensumstellung und die chronische physische Erschöpfung lösen reaktive Depressionen, Identitätskrisen und posttraumatische Belastungsstörungen aus. Das Gefühl der Hilflosigkeit wird durch mangelnde Anerkennung im privaten und medizinischen Umfeld oft noch verstärkt.
- Destabilisierung des sozialen Gefüges: Die Belastung führt häufig zu einer Erosion des sozialen Nahraums, zu Partnerschaftskonflikten und sozialer Isolation. Bei schweren Verlaufsformen, die zu völliger Bettlägerigkeit führen, wird die Pflege fast ausschließlich von Angehörigen erbracht. Dies bedeutet für die Familien eine doppelte ökonomische und psychische Extrembelastung, da sie oft eigene Erwerbstätigkeiten aufgeben müssen, um die Pflege zu stemmen. Sozioökonomisch schwächere Familien treibt die Notwendigkeit, Diagnostik und Off-Label-Therapien im privaten Wahlarztsektor selbst zu finanzieren, direkt in die Armut.
Die Geschichte des Umgangs mit postviralen Syndromen
Die Unfähigkeit unseres aktuellen medizinischen und sozialen Systems, diesen Hunderttausenden Betroffenen adäquat zu begegnen, ist kein neues Phänomen. Sie ist das Resultat einer langen, von tiefen Grabenkämpfen geprägten Geschichte postviraler Syndrome. Um die heutige Situation bei Long COVID vollends zu verstehen, müssen wir den Blick auf die historische und gesundheitspolitische Entwicklung von Myalgischer Enzephalomyelitis (ME) und dem Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) richten.
Bereits im 19. Jahrhundert wies das Diagnosekonzept der Neurasthenie („Nervenschwäche“) erhebliche symptomatische Überlappungen mit heutigen ME/CFS-Kriterien auf und verknüpfte psychosoziale Belastungen fälschlicherweise eng mit chronischer physischer Erschöpfung. Im frühen 20. Jahrhundert kam es weltweit zu sporadischen Ausbrüchen einer rätselhaften Erkrankung, die je nach geographischer Lage als „atypische Poliomyelitis“ oder „epidemische Neuromyasthenie“ dokumentiert wurde.
Ein fundamentaler Wendepunkt ereignete sich 1955 nach einem Ausbruch im Royal Free Hospital in London10, der zur ersten formellen Falldefinition der „benignen myalgischen Enzephalomyelitis“ führte. Das Attribut „benigne“ (gutartig) wurde angesichts der oft lebenslang persistierenden, schwersten Erschöpfungs- und Schmerzzustände später fallengelassen.
Institutionalisierung und begriffliche Verschiebung
Die Institutionalisierung dieser Krankheitsentität in den Klassifikationssystemen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verlief über Jahrzehnte hinweg uneinheitlich und spiegelt die tiefen Konflikte zwischen somatischen und psychiatrischen Fachdisziplinen wider. Zwar erkannte die WHO ME bereits 1969 im ICD-8 als eigenständige organische neurologische Entität an. Doch mit der Einführung des konkurrierenden Begriffs „Chronic Fatigue Syndrome“ (CFS) durch die US-amerikanische CDC im Jahr 198811 wurde die Erkrankung im klinischen Alltag zunehmend als unspezifisches Symptom verharmlost und codiert.
Diese begriffliche Verschiebung hin zum symptomfokussierten CFS wird von Patientenverbänden bis heute als bewusste De-Legitimierung kritisiert, da der Begriff „Müdigkeit“ das reale Ausmaß der physischen Einschränkung trivialisiert. Im ICD-10 wurde ME/CFS schließlich unter dem Code G93.3 als postvirales Ermüdungssyndrom den Krankheiten des Nervensystems zugeordnet und behielt diesen somatischen Status auch im ICD-11.
Der psychosomatische Irrweg und das PACE-Debakel
Besonders prägend für die Kontroverse um ME/CFS war die sogenannte „Wessely-Schule“ in Großbritannien. Angeführt von einer Gruppe von Psychiater:innen wurde ein kognitives Verhaltensmodell (CBM) von ME/CFS etabliert. Dieses Modell postulierte, dass die Erkrankung zwar durch einen initialen somatischen Trigger (wie einen viralen Infekt) ausgelöst werden kann, die Chronifizierung und Symptomaufrechterhaltung jedoch durch „unhilfreiche“ Krankheitsüberzeugungen und dysfunktionale Verhaltensmuster perpetuiert wird.
Nach dieser Theorie führt die Überzeugung der Patient:innen, an einer unheilbaren organischen Schädigung zu leiden, zu einem ausgeprägten Schon- und Aktivitätsvermeidungsverhalten. Dieses Verhalten ziehe eine physische Dekonditionierung (körperlichen Abbau) nach sich, welche wiederum bei minimaler Alltagsaktivität verstärkt körperliche Missempfindungen hervorrufe. Dies werde von den Betroffenen dann im Sinne einer „Katastrophisierung“ interpretiert. Zur Überwindung dieses vermeintlichen Teufelskreises wurden die Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) – mit dem Ziel, die vermeintlich dysfunktionalen Krankheitsüberzeugungen zu dekonstruieren – sowie die Gradierte Aktivitätstherapie (Graded Exercise Therapy, GET) zur gezielten körperlichen Steigerung als kurative Ansätze propagiert.
Den wissenschaftlichen Höhepunkt dieses Paradigmas stellte die 2011 im renommierten Fachjournal The Lancet veröffentlichte PACE-Studie12 dar. Es handelte sich um eine großangelegte, staatlich mitfinanzierte randomisierte kontrollierte Studie, deren Autor:innen CBT und GET als hochwirksame, zur Genesung führende Therapieverfahren deklarierten.
Die PACE-Studie entpuppte sich jedoch als ein fundamentales methodisches Debakel und gilt heute in der Wissenschaft als unentschuldbarer Fehltritt. Unabhängige Re-Analysen der erst nach jahrelangen juristischen Kämpfen freigegebenen Rohdaten entlarvten, dass die Forscher:innen während der laufenden Studie das Protokoll und die Definition von „Genesung“ (Recovery) massiv und selektiv aufgeweicht hatten. Während die unverblindeten, subjektiven Fragebögen solcherart künstlich geschönte Verbesserungsraten suggerierten, versagten die harten, objektiven Messkriterien der Studie komplett. Bei Anwendung des ursprünglichen Studienprotokolls schrumpften die Genesungsraten von den behaupteten ~22 % auf magere ~7 % zusammen, was statistisch nicht mehr signifikant war13.
Da die Studie auch vom britischen Ministerium für Arbeit und Renten mitfinanziert wurde12, weckte dies den Verdacht, dass die psychiatrische Umdeutung dazu dienen sollte, berechtigte Rentenansprüche abzuwehren und staatliche Sozialausgaben systematisch zu senken.
Medizinisches Gaslighting und seine Folgen
Erschreckenderweise diente diese Studie über ein Jahrzehnt lang als Grundlage von Behandlungsleitlinien weltweit14. Für die Betroffenen bedeutete dies handfestes medizinisches Gaslighting im Praxisalltag: Brachen Patient:innen die gradierte Aktivitätstherapie ab, weil ihr Körper mit einem schweren PEM-Crash reagierte, wurde dies im Sinne des Modells nicht als physische Überlastung interpretiert. Stattdessen verbuchte man es als „therapeutischen Widerstand“, „Krankheitsgewinn“ oder „phobische Aktivitätsvermeidung“. Patient:innen wurde systematisch eingeredet, ihre körperlichen Zusammenbrüche seien lediglich das Resultat ihrer eigenen, fehlerhaften Gedanken.
Diese jahrzehntelange Erfahrung führte zu einer dramatischen Polarisierung, bei der sich über lange Zeit keine Seite mit Ruhm bekleckert hat. Auf der einen Seite formierte sich eine verzweifelte Patientenbewegung, die sich in der Tradition militanter Bürgerrechtsbewegungen sah. Die berechtigte Empörung über institutionelle Missstände schlug jedoch in der Vergangenheit wiederholt in Aggression, Stalking und physische Bedrohungen gegenüber Vertreter:innen des psychosomatischen Forschungsansatzes um. Dies führte in Teilen der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu einem besorgniserregenden Rückzugseffekt und blockierte den dringend benötigten Fortschritt.
Gleichzeitig nutzten führende Vertreter:innen der Wessely-Strömung dieses Narrativ der „militanten Aktivisten“ im Rahmen einer gezielten PR-Strategie. Sie deklarierten legitime wissenschaftliche Kritik am Studiendesign, formale Ethikbeschwerden und Auskunftsbegehren pauschal als „Terrorismus“ oder „Hasskampagnen“, um ihre methodisch fragile Verhaltensforschung erfolgreich gegen jede Form der Überprüfung zu immunisieren. Gerichtliche Prüfungen und behördliche Offenlegungen zeigten später, dass viele behauptete physische Bedrohungen polizeilich nie aktenkundig waren beziehungsweise auf bloßen, ungeprüften Gerüchten basierten.
Der cartesianische Dualismus und institutionelle Gewalt
Diese historische Zerrissenheit zementiert bis heute einen starren, philosophisch längst überholten cartesianischen Dualismus zwischen Körper und Geist im Gesundheitssystem. Die vehemente Abwehr jeglicher psychosomatischer Krankheitsmodelle durch Betroffene speist sich zwar aus der Erfahrung realer Missstände. Sie transportiert jedoch unbewusst auch eine zutiefst problematische, implizit abwertende Haltung gegenüber psychischen Erkrankungen selbst. Es entsteht die Prämisse, eine Erkrankung sei nur dann „real“ und gesellschaftlich würdig, wenn sie sich über rein somatische Parameter definieren lässt. Dies ist ein tragischer Schutzmechanismus in einer Leistungsgesellschaft, die psychische Störungen weiterhin fälschlicherweise mit persönlicher Schwäche, Krankheitsgewinn oder Simulation assoziiert.
Es ist dramatisch, dass trotz der inzwischen erdrückenden wissenschaftlichen Evidenz für die somatische Natur postviraler Syndrome die reale Versorgungspraxis und die soziale Absicherung der Betroffenen katastrophal geblieben sind. Die tiefe institutionelle Spaltung zwischen somatisch orientierten Expert:innen und Vertreter:innen der traditionellen psychosomatischen Medizin führt zu einer mangelhaften Versorgungssituation. Medizinische Dienste und Gutachter:innen der Pensionsversicherung verharren oft auf veralteten Standpunkten und beurteilen Betroffene trotz massiver Einschränkungen als arbeitsfähig. Wer sich den reha-medizinischen Aktivierungsvorgaben widersetzt, um eine dauerhafte körperliche Verschlechterung durch PEM zu verhindern, verliert wegen „mangelnder Mitwirkung“ jegliche soziale Absicherung.
Diese strukturelle Gewalt gipfelte in extremen Fällen immer wieder auch in unmittelbaren rechtlichen und physischen Übergriffen: Von Zwangspsychiatrisierungen schwerstkranker Patient:innen, deren erzwungene Aktivierung zu irreversiblen Verschlechterungen oder gar zum Tod führte, über die Kriminalisierung von Eltern erkrankter Kinder unter dem falschen Vorwurf eines Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms oder einer „erfundenen Krankheit“, bis hin zur Verweigerung lebenserhaltender künstlicher Ernährung bei schluckunfähigen Patient:innen.
Körperliche und psychische Risikofaktoren
Angesichts der Relevanz von Long COVID stellt sich natürlich die Frage, wer überhaupt ein erhöhtes Risiko aufweist, nach einer SARS-CoV-2-Infektion eine solche Störungskaskade zu entwickeln.
Biologische Risikofaktoren
Hier zeigt die Forschung klare Prädiktoren15:
- Fehlender COVID-Impfschutz: Einer der gewichtigsten Faktoren.
- Biologisches Geschlecht & Alter: Das weibliche biologische Geschlecht sowie ein höheres Lebensalter erhöhen das Risiko.
- Somatische Komorbiditäten: Vorbestehende Erkrankungen wie Adipositas, Asthma, Diabetes oder chronische Nierenerkrankungen.
- Schweregrad der Akutinfektion: Auch der Verlauf der initialen Infektion spielt eine wesentliche Rolle.
Präinfektiöser Distress und die Neuroimmunologie
Ein für Psychotherapeut:innen besonders relevanter Erkenntnisgewinn liegt in der Identifikation präinfektiöser psychologischer und verhaltensbezogener Risikofaktoren. Große prospektive Kohortenstudien weisen nach, dass präinfektiöser psychischer Distress – wie klinisch relevante Depressionen, Angststörungen, chronischer Stress oder chronische Einsamkeit – das Risiko für die Entstehung eines Post-COVID-Syndroms stärker vorhersagen kann als klassische somatische Risikofaktoren. Liegen zwei oder mehr dieser psychosozialen Distress-Faktoren vor, steigt das Risiko um beeindruckende 50 %16.
Diese Zusammenhänge basieren auf handfesten neuroimmunologischen Wechselwirkungen: Chronischer Stress macht die Immunzellen resistent gegen Cortisol17, das normalerweise als Entzündungsbremse wirkt. Gleichzeitig drosselt der Dauerstress die körpereigene Virusabwehr. Infiziert man sich in diesem Zustand, kann der Körper den Erreger oft nicht schnell genug eliminieren – es entstehen hartnäckige „Virusnester“ im Gewebe. Diese Nester befeuern eine dauerhafte, unterschwellige Entzündung. Gelangen diese Entzündungsstoffe ins Gehirn, lösen sie dort eine chronische Gewebeentzündung aus, was wiederum Symptome wie Fatigue, depressive Phasen und den berüchtigten „Brain Fog“ triggert.
Neurodivergenz und die „neurodivergente chronische Triade“
Neben chronischem Stress rückt zunehmend die neurobiologische Vulnerabilität im Rahmen von Neurodivergenz in den Fokus der Forschung. Erste Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – und möglicherweise auch autistische Personen – ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Post-COVID-Syndroms aufweisen.
Ein zentrales Erklärungsmodell hierfür ist die Zentrale Sensibilisierung (ZS) – ein Zustand, bei dem das Zentralnervensystem Reize intensiviert verarbeitet und sich permanent in Alarmbereitschaft befindet. Da neurodivergente Menschen von Natur aus Reize anders filtern und verarbeiten, ist ihr Nervensystem ohnehin oft hochgradig sensibel. Trifft nun eine virale Infektion mit all ihren Entzündungsstoffen auf ein solches, bereits empfindliches System, gerät die Reizverarbeitung völlig außer Kontrolle. Die Folge können hartnäckige chronische Schmerzen, Muskel- und Kopfschmerzen sowie eine massive Verstärkung psychischer Belastungen sein.
Menschen mit ADHS sind zudem besonders anfällig für die geistigen Folgen nach dem Infekt: Die Entzündung trifft hier gezielt jene Gehirnnetzwerke, die für Planung, Struktur und Konzentration zuständig und bei ADHS ohnehin schon störungsanfälliger sind. Das führt dazu, dass sich die kognitiven Symptome bei ihnen besonders drastisch zeigen.
Das Zusammenspiel der Triade
Diese körperliche Anfälligkeit neurodivergenter Menschen ist oft eng mit einem Komplex aus drei chronischen Problembereichen verknüpft, der mitunter als „neurodivergente chronische Triade“ bezeichnet wird. Sie besteht aus:
- Überbeweglichen Gelenken bzw. einem genetisch schwächeren Bindegewebe (hEDS/HSD).
- Kreislaufproblemen mit starkem Herzrasen beim Aufstehen (POTS).
- Chronisch überaktiven Immun- und Allergiezellen (MCAS).
So ist etwa die Hälfte neurodivergenter Erwachsener (etwa mit ADHS oder Autismus) von überbeweglichen Gelenken und einem instabileren Bindegewebe betroffen18. Das macht auch ihre Blutgefäße weicher: Beim Aufstehen sackt das Blut leichter ab, was zusammen mit einer viralen Nervenschädigung zu heftigem Schwindel und extremem Herzrasen (POTS) führt.
Zusätzlich verstärkt wird die Problematik noch durch die Mastzellen (MCAS), die bei neurodivergenten Patient:innen häufig ohnehin hyperaktiv sind. Das Virus kann sie dazu bringen, Entzündungsstoffe wie Histamin und Enzyme auszuschütten. Fachleute vermuten, dass diese das ohnehin nachgiebigere Bindegewebe zusätzlich belasten, die Gefäßregulation weiter stören und die Nerven reizen. MCAS könnte in dieser Triade also als biologischer Verstärker wirken, der das Post-COVID-Syndrom mit antreibt.
Psychotherapie bei Long COVID: Ein biopsychosozialer Ansatz
Viele werden sich fragen, warum Psychotherapie bei einer primär körperlichen Erkrankung wie Long COVID überhaupt von Relevanz sein soll. Meistens liegt hinter einer solchen Frage die Assoziation einer kurz andauernden Erkrankung – wie eines grippalen Infekts –, die sich durch Schonung und die Selbstheilungskräfte des Körpers rasch bewältigen lässt. Eine langanhaltende Erkrankung wie Long COVID verlangt von den Betroffenen jedoch weitreichende Anpassungsleistungen ihres Umgangs mit ihrem Körper, ihrer Identität, ihrem Alltag, ihren Bezugspersonen und dem Gesellschaftssystem. Das sind massive geistige und emotionale Anforderungen in einer Zeit, in der die Betroffenen ohnehin nur wenig belastbar sind. Hier dient die Psychotherapie als wesentliche Unterstützungsleistung, um eine höchstmögliche Lebensqualität und gesundheitsförderliche Lebensführung zu ermöglichen.
Um der Komplexität dieses Krankheitsbildes gerecht zu werden, erweist sich die moderne Verhaltenstherapie als ein methodisch fundierter und flexibler Ansatz. Ein zentraler Grund für ihre Eignung liegt in der konsequenten Anwendung des biopsychosozialen Störungsmodells. Long COVID zeichnet sich durch eine immense Komplexität aus, bei der biologische Dysregulationen, psychische Belastungen und soziale Veränderungen nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern in einer ständigen, dynamischen Wechselwirkung miteinander agieren.
Die physische Symptomatik – wie etwa chronische Erschöpfung, Schmerzzustände oder neurologische Defizite – erzeugt unvermeidbar schweren psychischen Stress, Zukunftsängste oder tiefe Trauer über den Verlust der eigenen Leistungsfähigkeit. Diese psychischen Reaktionen wiederum beeinflussen über neuroendokrine und immunologische Wege direkt das ohnehin strapazierte vegetative Nervensystem und können körperliche Symptome nachweislich verstärken. Gleichzeitig führen soziale Folgen wie beruflicher Ausfall, finanzielle Sorgen oder interpersonelle Missverständnisse im Umfeld zu einer zusätzlichen psychosozialen Belastung, die die somatische Vulnerabilität weiter verschärft. Eine isolierte Betrachtung einzelner Symptome greift daher zu kurz; für eine effektive Begleitung ist es zwingend notwendig, diese hochkomplexen Interaktionen vollständig in die Behandlung einzubeziehen.
Das Fundament der Verhaltensmedizin
Hier setzt die Säule der Verhaltensmedizin an, deren übergeordnete Prinzipien für das Management von Long COVID von entscheidender Bedeutung sind. Anstatt rein psychologisiert vorzugehen, nutzt die Verhaltensmedizin das Prinzip der systematischen Verhaltensmodifikation, um direkten, positiven Einfluss auf psychophysiologische Prozesse zu nehmen. Ein wesentliches verhaltensmedizinisches Prinzip ist hierbei die Förderung der körpereigenen Selbstregulation. Dabei wird gelernt, das chronisch überaktivierte oder dysregulierte Nervensystem durch gezielte Verhaltensanpassungen zu beruhigen und biologische Stressreaktionen zu minimieren.
Zudem vermittelt die Verhaltensmedizin Prinzipien zur veränderten kognitiven und behavioralen Verarbeitung von chronischen somatischen Symptomen. Ziel ist es, Betroffenen zu helfen, eine adaptive Balance zwischen Aktivität und Schonung zu finden und die Wahrnehmung von Körpersignalen zu objektivieren, um eine Überforderung des Organismus systematisch zu verhindern.
Ergänzt wird dies durch die ausgeprägte Wissenschaftsnähe und empirische Fundierung der modernen Verhaltenstherapie. Da das medizinische Wissen über Long COVID und seine Subtypen kontinuierlich wächst, erfordert die therapeutische Begleitung ein hohes Maß an wissenschaftlicher Flexibilität. Verhaltenstherapeutische Interventionen basieren auf dem aktuellen Forschungsstand und orientieren sich eng an interdisziplinären Leitlinien. Dies garantiert, dass Behandlungsstrategien dynamisch an neue empirische Erkenntnisse angepasst werden können – etwa im Hinblick auf somatische Kontraindikationen bei Belastung –, anstatt starr an veralteten Konzepten festzuhalten. Die konkrete Umsetzung dieser Prinzipien erfolgt schließlich im Rahmen einer maßgeschneiderten individuellen Fallkonzeption, welche die Gesamtheit aller prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene individuell erfasst.
Die acht Säulen einer somatisch informierten Psychotherapie
1. Das flexible, patientenangepasste Setting
Eine somatisch informierte Verhaltenstherapie beginnt bereits bei der radikalen Anpassung des therapeutischen Rahmens an die veränderte Biologie der Betroffenen. Da therapeutische Sitzungen viel kognitive und emotionale Energie verbrauchen, ist Flexibilität hier keine reine Gefälligkeit, sondern eine handfeste verhaltensmedizinische Notwendigkeit. Die VT nutzt hier konsequent ihre pragmatische Flexibilität im Sinne des Aktivitätsmanagements:
- Der großzügige Einsatz von Video- oder Telefontherapie spart erschöpfende Anfahrtswege ein.
- Die flexible Terminplanung orientiert sich strikt an den biologischen Hochphasen der Betroffenen.
- Die inhaltliche Dosierung sorgt dafür, dass emotional brisante Themen die eng begrenzten energetischen Ressourcen nicht überfordern.
Die verhaltenstherapeutischen Prinzipien der Verhaltensaktivierung und Konfrontation müssen stets an die somatischen Realitäten angepasst werden. Bei einer ausgeprägten Post-Exertional Malaise (PEM) ist stets der Raum zwischen der Belastbarkeitsgrenze der Patient:innen auf der einen Seite und dem Nutzen potenzieller Anforderungen (wie z. B. einer emotionalen Konfrontation) sorgsam abzuwägen. Idealerweise würde man auch die Behandlung radikal auf die Anforderungen der Betroffenen ausrichten und z. B. kürzere, höherfrequente Einheiten oder auch asynchrone Kommunikation nützen. Das stößt leider an die Grenzen der Rigidität des Gesundheitssystems, das die höchstpersönliche 50-Minuten-Sitzung ohne Evidenz und aus reiner Gewohnheit heraus zur universellen psychotherapeutischen Intervention erklärt hat.
2. Umgang mit dem Gesundheits- und Sozialsystem
Ein oft unterschätzter, aber hochgradig kritischer Belastungsfaktor bei einer Long-COVID-Erkrankung liegt in der Interaktion mit dem Sozial- und Gesundheitssystem. Die Bewältigung von bürokratischen Hürden, Sozialhilfe- oder Versicherungskonflikten sowie die Konfrontation mit mangelndem Fachwissen im medizinischen Sektor fordern den Betroffenen erhebliche Ressourcen ab. Die moderne Verhaltenstherapie bietet hier ein strukturiertes Fundament, um dieser System-Navigation durch den gezielten Einsatz von Problemlösetraining, sozialem Kompetenztraining und Emotionsregulationstraining zu begegnen.
Ein wesentliches therapeutisches Ziel besteht darin, Patient:innen darin zu unterstützen, zu Expert:innen der eigenen Erkrankung zu werden. Verhaltenstherapeutische Interventionen zielen darauf ab, die Selbstwirksamkeit zu stärken, sodass Betroffene die Initiative ergreifen, sich evidenzbasiert informieren und sich offensiv, aber stets im Rahmen ihrer individuellen Belastbarkeit, für ihre gesundheitlichen Belange einsetzen. Das aktive Einfordern und hartnäckige Verfolgen von adäquater Unterstützung wird hierbei als proaktives, gesundheitsförderndes Verhalten erarbeitet und eingeübt.
Gleichzeitig adressiert die Therapie die real existierenden Defizite und Grenzen des Gesundheitssystems. Statt in kräftezehrende, destruktive Reaktanz oder lähmende Ohnmacht zu verfallen, erlernen Patient:innen durch emotionale Unterstützung und kognitive Umstrukturierung, diese systemischen Unzulänglichkeiten als äußere Realität zu akzeptieren. Diese Akzeptanz ist jedoch explizit nicht mit Resignation gleichzusetzen. Vielmehr dient sie als strategische Entlastung: Durch das rationale Erkennen und Annehmen dessen, was im System nicht veränderbar ist, werden psychische Energien freigesetzt. Die Verhaltenstherapie befähigt Betroffene auf diese Weise, trotz widriger Rahmenbedingungen die Verantwortung für den eigenen Genesungsweg zu übernehmen und die aktive Gestaltung des Alltags selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.
3. Somatisch informiertes Pacing und die autonome Regulation
Die dritte Säule verknüpft die neurobiologischen Erkenntnisse über die Fehlsteuerung des vegetativen Nervensystems direkt mit verhaltenstherapeutischen Interventionen. Die große Herausforderung der therapeutischen Praxis ist dabei die Bewältigung des Dilemmas zwischen PEM-Vermeidung und dem Schutz vor vollständiger Dekonditionierung.
Der menschliche Körper bleibt auch im kranken Zustand ein biologisches System, das sich an Inaktivität anpasst. Eine monatelange Schonung baut Muskelmasse ab, lässt das Herz-Kreislauf-Volumen schrumpfen und destabilisiert das autonome Nervensystem weiter, was Begleiterkrankungen wie POTS drastisch verschlimmert. Das tückische Resultat: Die Dekonditionierung senkt die PEM-Schwelle immer weiter ab, sodass der Körper immer schneller in den roten Bereich gerät.
Andererseits sind die Betroffenen häufig kaum belastbar und erleben durch das Überschreiten ihrer Grenzen oft massive Einbrüche, die keinen Trainingseffekt bewirken, sondern die Leistungsfähigkeit des Organismus weiter absenken. Daraus ergibt sich die Aufgabe, gemeinsam zu versuchen, für diesen heiklen Balanceakt eine optimale Lösung für die individuellen Besonderheiten und die aktuelle Belastbarkeit zu finden.
Als Therapeut:innen müssen wir daher vermitteln, dass Pacing keine passive Resignation ist, sondern ein aktives, detektivisches Energiemanagement innerhalb der individuellen Belastungsgrenzen. Das Ziel ist es, sich innerhalb der aktuellen Grenzen so aktiv wie möglich zu bewegen, ohne diese jemals zu überschreiten. Wir nutzen Selbstbeobachtungsprotokolle und technische Hilfsmittel wie HRV-Messung mittels Smart Watches, um das Bleiben unterhalb der anaeroben Schwelle im Alltag objektivierbar zu machen.
Gleichzeitig etablieren wir Methoden zur gezielten Aktivierung des regenerativen Teils des Nervensystems, der bei Long COVID häufig beeinträchtigt ist und Parasympathikus genannt wird. Dazu können Techniken wie Yin Yoga, Meditation, Progressive Muskelrelaxation (PMR) und diaphragmatische Atemtechniken eingesetzt werden. Diese Verfahren sind in diesem Kontext keine esoterische Wellness, sondern gezielte verhaltensmedizinische Interventionen, um direkt auf die zentralnervöse Stressachse einzuwirken und die dysregulierte Energie- und Stressverarbeitung zu stabilisieren.
Ein wesentlicher Bestandteil dieses Ansatzes ist ein strukturiertes, aktives Regenerationsmanagement. Hierbei erweist sich die fundierte Psychoedukation über das vegetative Nervensystem als essenziell: Patient:innen erlernen ein präzises Verständnis für die Mechanismen von Sympathikus und Parasympathikus, um gezielt jene Aktivitäten zu identifizieren, die für sie eine beruhigende Wirkung auf den Organismus entfalten. Dies ist klinisch von hoher Relevanz, etwa um einer schlafschädigenden Übererregung am Abend präventiv entgegenzuwirken und die biologisch notwendige nächtliche Erholung zu sichern.
Das Spektrum dieser verhaltensmedizinischen Maßnahmen reicht im Alltag bis hin zu einer massiven Stimuluskontrolle, falls die individuellen Belastungsgrenzen überschritten wurden. Stimuluskontrolle bezeichnet hier die systematische, proaktive Reduktion und Abschirmung sämtlicher externer und interner Reize – wie visuelle Eindrücke, Geräusche oder kognitive Belastungen. Da bei dieser organischen Regulationsstörung der körpereigene Reizfilter versagt, verarbeitet das Nervensystem jeden ungefilterten Stimulus als akuten Stressor, was die ohnehin kritischen zellulären Energiereserven drastisch minimiert. Eine konsequente Stimuluskontrolle schützt das chronisch überaktivierte System somit vor dem endgültigen Kollaps und gibt dem Körper mittelfristig Stabilität zurück, die er für die Regeneration zwingend benötigt.
4. Bewältigung der existenziellen Krise und Aufbau eines lebenswerten Alltags
Eine chronische Erkrankung trifft niemals auf ein unbeschriebenes Blatt. Jeder Mensch besitzt individuelle Vulnerabilitätsfaktoren – also psychologische Sollbruchstellen oder verinnerlichte Muster, die in gesunden Zeiten meist gut kompensiert werden können. Wenn der Körper jedoch so streikt, werden diese individuellen Triggerpunkte unweigerlich aktiviert. Das zeigt sich beispielsweise bei Menschen, die ihren Selbstwert primär über Leistung und Produktivität definieren; sie geraten durch die erzwungene Inaktivität oft in eine tiefe Identitätskrise. Ein weiteres Beispiel sind Personen mit einem hohen Bedürfnis nach Kontrolle, die besonders intensiv unter der teilweisen Unvorhersehbarkeit von Symptom-Schüben leiden. Die emotionale Überforderung, die daraus resultiert, ist keine persönliche Schwäche, sondern die völlig logische und universelle Reaktion auf eine existenzielle Krise, für die niemand vorab geschult ist.
Aus dieser Dynamik ergibt sich eine zentrale Aufgabe der psychotherapeutischen Begleitung: Gemeinsam mit den Betroffenen aktiv daran zu arbeiten, im Rahmen der aktuellen Belastbarkeit einen lebenswerten Alltag aufzubauen. Das ist ein herausfordernder Prozess, der eng mit einer Trauerarbeit verbunden ist. Betroffene müssen Abschied nehmen von ihrer Spontaneität, ihren Hobbys und oft auch von ihrer beruflichen Rolle. Diese Trauer wird durch die unsichere Prognose weiter erschwert; das Fehlen einer verlässlichen Zukunftsperspektive lässt viele in einer lähmenden Warteschleife verharren, ohne sich auf eine klare Zukunftsaussicht einstellen zu können.
Ziel der Therapie ist es daher, diesen Schmerz überhaupt erst zuzulassen und schrittweise eine Haltung der Akzeptanz zu entwickeln. Akzeptanz meint hierbei keineswegs Resignation oder Aufgeben, sondern das Anerkennen des aktuellen Ist-Zustands, um die verbleibende Energie nicht im inneren Kampf gegen das Schicksal zu verschleißen. Erst auf diesem Fundament wird es möglich, nach neuen, leiseren Quellen von Lebensqualität zu suchen. Es ist eine ebenso herausfordernde wie wichtige Arbeit, herauszufinden, welche sinnstiftenden oder anregenden Aktivitäten in welchem Ausmaß noch möglich sind, und dabei die Balance zwischen Leben und Schonung zu halten.
Um diesen anspruchsvollen Prozess zu unterstützen, greift die Therapie auf ein wissenschaftlich fundiertes Methodenspektrum zurück, das an die engen Belastungsgrenzen adaptiert wird. Mittels kognitiver Umstrukturierung werden dysfunktionale Gedankenmuster identifiziert und sanft entkräftet. Sätze wie „Wenn ich heute nichts leiste, bin ich nichts wert“ weichen dabei realistischeren, entlastenden Überzeugungen, die den realen Möglichkeiten angepasst sind. Ein ebenso wesentlicher Baustein ist das Erlernen wirksamer Techniken zur Emotionsregulation, um mit der enormen psychischen Belastung und den aufkommenden Ängsten oder Frustrationen besser fertigzuwerden. Hierzu nutzen wir bewährte Ansätze wie das achtsame Selbstmitgefühl (MSC: Mindful Self-Compassion) oder Elemente aus der Schematherapie. Diese Techniken helfen den Patient:innen, die oft sehr hart mit sich selbst ins Gericht gehen, sich in Momenten des Leidens mit mehr Wärme und Unterstützung zu begegnen – ähnlich wie guten Freund:innen. Gleichzeitig ermöglichen sie es, jene inneren „Antreiber“ oder perfektionistischen Kritiker zu beruhigen, die in der Krise besonders laut werden. Auf diese Weise wird der Anteil in den Betroffenen gestärkt, der fürsorglich, flexibel und beschützend für die eigenen Bedürfnisse im Hier und Jetzt einsteht.
5. Umgang mit verschiedenen Formen von Angst
Die fünfte Säule unserer psychotherapeutischen Arbeit ist vielleicht die klinisch brisanteste: die grundlegende Differenzierung zwischen primär kognitiver Angst und somatogener Übererregung. In der klassischen Verhaltenstherapie sind wir darauf trainiert, Angstsymptome wie Herzrasen, Schwindel oder Atemnot als Ausdruck etwa einer Panikattacke zu interpretieren und mit Konfrontation zu behandeln. Bei Long COVID und ME/CFS wäre dieses Vorgehen ein potenziell folgenschwerer Fehler.
Sehr viele Betroffene leiden etwa an Dysautonomie, primär in Form eines Posturalen Orthostatischen Tachykardiesyndroms (POTS). Beim Aufrichten oder Stehen schnellt ihre Herzfrequenz um 30 Schläge pro Minute oder mehr19 in die Höhe, bedingt durch eine sympathische Überaktivität und einen drastischen Verlust des parasympathischen (vagalen) Tons. Wenn wir als Behandler:innen diese schwerwiegende autonome Fehlregulation als psychogene „Panikattacke“ fehldiagnostizieren und mit ihnen die dafür vorgesehenen verhaltenstherapeutischen Standardbehandlungen wie die Exposition von Körperempfindungen durchführen, werden die Patient:innen keine relevanten Fortschritte erzielen – im Gegenteil, wir riskieren schwere Rückfälle.
Wir müssen unseren Patient:innen durch fundierte Psychoedukation helfen, somatogene Angst (ausgelöst durch POTS, Endothelschäden oder hormonelle Adrenalin-Surges während eines Crashs) von echter kognitiver Angst (beispielsweise der antizipatorischen Angst vor dem nächsten Crash) sauber zu unterscheiden. Kognitive Ängste können wir mit klassischen psychotherapeutischen Werkzeugen bearbeiten. Somatogene Übererregung hingegen erfordert konsequentes Pacing, physische Beruhigung, Reizabschirmung (teilweise auch durch Ablenkung) und Übererregungsmanagement.
6. Kognitives Pacing und der Umgang mit neuropsychologischen Defiziten
Das Gehirn ist einer der größten Energieverbraucher des Körpers; mentale Anstrengung verbraucht viel Glukose und ATP. Post-Exertional Malaise (PEM) wird keineswegs nur durch körperliche Aktivität wie Treppensteigen ausgelöst, sondern ebenso verlässlich durch 30 Minuten konzentriertes Lesen, starke Emotionen, soziale Kontakte (speziell in Gruppen) oder sensorische Überreizung (Mental und Social Load). Besonders perfide ist dabei, dass Begeisterung und Interesse die geistige Anstrengung maskieren können – Betroffene müssen oft erst hart lernen, dass nicht alles gut ist, was sich gut anfühlt.
Der sogenannte „Brain Fog“ ist dabei keine bloße Müdigkeit, sondern ein drastischer neurokognitiver Leistungsabfall, der in Studien objektive Einbußen von bis zu 9 IQ-Punkten20 bei schwer betroffenen Patient:innen zeigt. Ärztliches Personal übersieht die spezifischen neurokognitiven Defizite von Long-COVID-Erkrankten häufig, da die meist eingesetzten standardisierten Demenz-Screenings bei diesen Patient:innen in der Regel unauffällig bleiben.
Die therapeutische Arbeit basiert hier auf einem differenzierten neuropsychologischen Verständnis, das sich systematisch aus der detaillierten Schilderung der individuellen Alltagsschwierigkeiten durch die Betroffenen ableitet. Dieser phänomenologische Ansatz ermöglicht es, die spezifischen Dynamiken von Beeinträchtigungen – wie etwa eine verringerte Verarbeitungsgeschwindigkeit, Einschränkungen des Arbeitsgedächtnisses (Working Memory) oder eine verminderte Abrufleistung unter Ermüdungsbedingungen (Fatigue) – präzise zu erfassen.
Auf dieser fundierten Basis wird den Erkrankten geholfen, ihre kognitiven Einschränkungen konkret und differenziert zu verstehen. Dieses neu gewonnene Verständnis dient als direktes Werkzeug, um die Alltagsgestaltung, alltägliche Routinen und grundlegende Entscheidungen strategisch an die veränderten Kapazitäten anzupassen. Eine zusätzliche Option kann kognitives Training darstellen, das die kognitive Leistungsfähigkeit bewahren soll und demselben herausfordernden Balanceakt wie das somatische Pacing (Säule 3) unterworfen ist.
7. Infektionsschutz als Rezidivprophylaxe
Die siebte Säule unseres psychotherapeutischen Konzepts wird oft ignoriert, ist jedoch essenziell: Infektionsschutz als psychologische Rezidivprophylaxe. Bei Long COVID und ME/CFS ist das größte Risiko für einen fatalen, irreversiblen Rückschritt eine Reinfektion. Und leider sprechen wir hier nicht nur von SARS-CoV-2. Ein dysreguliertes, neuroimmunologisches System kann durch jede Form von Infektion zu einer potenziell katastrophalen Überreaktion veranlasst werden, was eine massive Verschlechterung der Symptome zur Folge haben kann.
Sich in einer Gesellschaft, die die Pandemie für beendet erklärt hat, konsequent vor Infektionen zu schützen, ist für Betroffene ein täglicher psychosozialer Spießrutenlauf. Wer Maske trägt oder um Tests bittet, wird schnell als „neurotisch“ pathologisiert oder mit dem Stigma einer Angststörung (Agoraphobie, Keimphobie) versehen. Unsere Aufgabe in der Therapie ist die Validierung der Realität: Die Bedrohung ist real, und der Infektionsschutz ist keine emotional getriebene Panik, sondern rationales, nüchternes medizinisches Sicherheitsmanagement.
Wir trainieren mit den Betroffenen im Rahmen eines sozialen Kompetenztrainings die mentale Widerstandskraft und radikale Abgrenzung. Sie müssen lernen, ihre Bedürfnisse zu schützen, ohne sich in endlose Rechtfertigungsschleifen zu begeben. Wir etablieren universelle, erregerunabhängige Schutzmaßnahmen:
- Das konsequente Tragen dichtsitzender FFP2- oder FFP3-Masken.
- Die Sicherstellung gesunder Innenraumluft durch HEPA-Filter und CO2-Monitoring.
- Die Etablierung der absoluten „Null-Symptom-Regel“ für das private Umfeld.
- Die Einhaltung von Hygienerichtlinien wie regelmäßigem, richtigem Händewaschen.
- Die Vermeidung von Risikosituationen.
Die psychische Last, dieses „Safe Bubble“-Prinzip gegenüber geliebten Menschen aus Angst vor Ablehnung durchzusetzen, und die existenzielle Einsamkeit, wenn das eigene Umfeld die gesundheitliche Bedrohung leugnet, können sehr belastend sein. Diesen Schmerz aufzufangen und die Betroffenen darin zu bestärken, ihre eigene Krankheit ernst zu nehmen und die notwendige Rücksichtnahme von anderen Menschen einzufordern, ist ein zentraler Teil der gemeinsamen Arbeit.
8. Regenerationstraining & -aktivierung: Dem Nervensystem die Erlaubnis zur Ruhe geben
Bei Long COVID befindet sich das autonome Nervensystem der Betroffenen oft in einer permanenten Stressschleife (Dauer-Aktivierung des Sympathikus). Das Problem: Normales „Ausruhen“ oder auf dem Sofa Liegen reicht meist nicht aus, um diesen Zustand zu durchbrechen – oft kreisen dabei die Gedanken, oder der Körper bleibt innerlich überaktiviert. Im Regenerationstraining der Verhaltenstherapie lernen Betroffene, den „Regenerationsnerv“ (das parasympathische Nervensystem) wieder ganz gezielt und aktiv anzusteuern.
Es gibt eine große Bandbreite von altbekannten Atem- und Meditationstechniken bis zu modernen technischen Geräten:
- Klassische Entspannungsverfahren: Methoden wie die Progressive Muskelrelaxation (PMR) (in einer sanften, modifizierten Form ohne starke Kraftanstrengung) oder Autogenes Training helfen, die körperliche Grundspannung systematisch zu senken.
- Achtsame Bewegung & Meditation: Während dynamisches Yoga oft zu anstrengend ist, bietet Yin Yoga durch das passive, lange Halten von Positionen eine gute Möglichkeit, das Nervensystem zu beruhigen und Faszien zu lockern. Geführte Meditationen oder Yoga Nidra (NSDR – Non-Sleep Deep Rest) erlauben dem Gehirn eine Tiefenentspannung, ohne das sensible Energiebudget zu belasten.
- Technische Hilfsmittel als Brücke: Wenn der Zugang zur Entspannung schwerfällt, kann die Technik genützt werden, um eine indirekte Verbindung zum Körper herzustellen. Mittels Biofeedback und Neurofeedback können physiologische Prozesse (wie die Herzratenvariabilität, HRV, oder der Atemrhythmus) auf einem Bildschirm sichtbar gemacht werden. Man sieht so in Echtzeit, wie der Körper aktuell funktioniert und kann üben, ihn zu beeinflussen. Alternativ kann die transkutane Vagusnervstimulation (tVNS) über sanfte Stromimpulse am Ohr direkt den Nervus vagus – den Hauptnerv der Entspannung – aktivieren (dabei ist zu bedenken, dass das Grundprinzip zwar physiologisch plausibel ist – konkrete Evidenz für Long COVID jedoch fehlt).
Einerseits kann der Einsatz von regenerativen Verfahren direkt die Erholung verbessern. Andererseits kann er aber auch die Ohnmachtserfahrung gegenüber dem eigenen Körper, die eine der schlimmsten Erfahrungen bei Long COVID ist, lindern. Betroffene können die Erfahrung machen, dass sie ihren Körper und ihre Rhythmen wieder steuern können, was oft große Erleichterung verschaffen und Angst lindern kann.
Fazit
Long COVID offenbart auf schmerzhafte Art und Weise die Grenzen des Sozialstaats und demonstriert einmal mehr, dass Wissenschaft nicht wertfrei und neutral ist. Wenn die Schwere und das Ausmaß einer Erkrankung das System überfordern würden, dann scheint das System es vorzuziehen, die Existenz der Erkrankten abzustreiten – ganz nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Diese Logik eines überforderten Systems trifft auf ein träges Gesundheitswesen, das Wissen bisweilen mehr als Oraltradition weiterzugeben scheint, anstatt sich konsequent an aktuellen wissenschaftlichen Publikationen zu orientieren.
Als Psychotherapeut:innen geraten wir dabei mitten in einen zermürbenden cartesianischen Grabenkrieg zwischen Körper und Geist. Das Tragische an dieser Dynamik ist eine unbewusste, bittere Nebenwirkung: Die vehemente Verteidigung gegen eine vorschnelle „Psychologisierung“ transportiert ungewollt eine gesellschaftliche Abwertung von psychischen Erkrankungen selbst – als sei ein Leiden nur dann würdevoll und real, wenn die Somatik mundgerechte Laborwerte liefert.
Gleichzeitig dürfen wir die faszinierende neurobiologische Bruchlinie nicht übersehen, die in der Standardmedizin völlig untergeht: das komplexe Zusammenspiel der neurodivergenten chronischen Triade. Für Menschen mit ADHS oder Autismus schlägt ein viraler Infekt nicht auf ein unbeschriebenes Blatt, sondern trifft auf ein Nervensystem, das Reize ohnehin fundamental anders filtert und verarbeitet. Wenn hier eine veränderte Gefäßelastizität, Herzrasen beim Aufrichten (POTS) und überaktive Mastzellen (MCAS) eine sich selbst befeuernde Kaskade bilden, versagen die klassischen, isolierten Screenings der Regelversorgung komplett.
Genau an dieser Schnittstelle wird die moderne Verhaltenstherapie weit mehr als eine reine Redekur; sie mutiert zur überlebenswichtigen Übersetzerin zwischen einem dysregulierten Organismus und den Anforderungen des Alltags. Das eigentliche psychotherapeutische Kerngebiet bei Long COVID ist daher Selbststeuerungs-, Identitäts- und Systemarbeit. Die Regeln des eigenen Körpers haben sich geändert, und keiner hat den Betroffenen das neue Regelbuch gegeben. Durch Selbstbeobachtung und Reflexion werden die neuen Regeln mühsam erarbeitet, um wieder Kontrollierbarkeit erleben zu können.
Es gilt auch, eine radikale Trauerarbeit zu begleiten, bei der sich Betroffene schmerzhaft von einer leistungsorientierten Identität, ihrer bisherigen Spontaneität und einer planbaren Zukunft verabschieden müssen. Durch emotionsfokussierte Techniken entschärfen wir schädliche Einstellungen, die in der Krise besonders zerstörerisch werden, und ersetzen sie durch einen fürsorglichen, beschützenden Umgang mit den eigenen Ressourcen.
Diese Schutzfunktion reicht bis weit in den sozialen Raum hinein. In einer Gesellschaft, die die Pandemie für beendet erklärt hat, ist konsequenter Infektionsschutz oft ein psychosozialer Spießrutenlauf. Hier fungiert die Therapie als Trainingslager für strategische Abgrenzung und soziale Resilienz: Wir validieren die reale Bedrohung und unterstützen Betroffene dabei, ihre Beschwerden ernst zu nehmen.
Wer sich dieser institutionellen Odyssee, den bürokratischen Windmühlen und dem alltäglichen Gaslighting nicht länger allein stellen möchte, findet in meiner Praxis einen geschützten Raum und eine therapeutische Begleitung auf Augenhöhe. Nehmen Sie gerne Kontakt für ein Erstgespräch auf – wir gehen diesen Weg gemeinsam, in Ihrem eigenen Tempo und mit dem Fokus auf das, was Ihnen wirklich guttut. Wie ich dabei arbeite, lesen Sie auf der Seite Psychotherapie bei ME/CFS und Long COVID.
Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026

Über den Autor
MMag. Daniel Weigl ist Psychotherapeut (Verhaltenstherapie), Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe mit Praxis in Wien-Favoriten. Er arbeitet mit Verhaltenstherapie und Schematherapie und bildet als Lehrtherapeut künftige Psychotherapeut:innen aus. → Mehr über mich
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Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Psychoedukation. Er ersetzt keine individuelle psychotherapeutische Diagnostik, Beratung oder Behandlung. Wenn Sie sich in einer schweren Krise befinden, wenden Sie sich bitte an den Notruf (z. B. Telefonseelsorge 142 oder den Psychosozialen Dienst Wien unter 01 31330).
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