
Wer heute im Internet nach Unterstützung bei psychischen Belastungen sucht, wird zwar schnell fündig – gerät aber leider auch oft auf Abwege. Das Netz ist voller Heilsversprechen und vermeintlicher „Psychotechniken“, die verblüffend einfache Lösungen für hochkomplexe Probleme anpreisen. Auch der Verhaltenstherapie eilt fälschlicherweise oft der Ruf voraus, eine reine Methodenschmiede zu sein: Man lerne einfach ein paar clevere Tricks für den Alltag, und schon sei alles wieder gut.
Tatsächlich ist das genau der Wunsch, mit dem viele Menschen eine psychotherapeutische Praxis betreten: „Sagen Sie mir einfach, was ich tun soll, wenn die Panik kommt, oder wie ich diese negativen Gedanken abschalte.“
Sicherlich: Wenn ein Problem lediglich auf einer fehlenden Kompetenz beruht – etwa dem Wissen, wie man einen Konflikt konstruktiv anspricht –, können solche pragmatischen Werkzeuge wunderbar helfen. Doch in den meisten Fällen liegen die Ursachen tiefer. Wenn es um biografisch tief verwurzelte, über Jahre erlernte Muster geht, bleibt das „einfache Umprogrammierungen“ per Life-Hack wirkungslos oder erweist sich sogar als schädlich. Um zu verstehen, warum das so ist, lohnt sich ein Blick auf den eigentlichen Kern der psychotherapeutischen Arbeit.
Menschliches Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum
Die Basis unseres gesamten Erlebens und Verhaltens ist das Lernen – allerdings lernen wir keine isolierten Datenpunkte stumpf auswendig. Besonders unsere frühen Lernerfahrungen sind ungemein mächtig und legen das Fundament für alles, was danach folgt.
Jede weitere Erfahrung, die wir im Laufe des Lebens machen, wird nicht einfach neutral auf einer unbeschriebenen Festplatte abgelegt. Stattdessen wird sie vor dem Hintergrund unserer bisherigen Erlebnisse gefiltert, interpretiert und eingeordnet. In der Psychologie und den meisten fundierten Therapieformen herrscht Einigkeit darüber, dass ähnliche Erfahrungen im Gehirn gebündelt abgespeichert werden. Die ersten prägenden Ereignisse wirken dabei wie ein emotionaler Prototyp für ganze Kategorien von Erfahrungen, und neue Informationen werden fortan passend dazu sortiert.
Interessanterweise nutzen fast alle relevanten psychotherapeutischen Schulen dieses Grundprinzip, wählen jedoch unterschiedliche Namen dafür:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) & Schematherapie: Hier spricht man von tief verankerten kognitiv-emotionalen Schemata.
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing): In der Traumatherapie beschreibt man, wie Erinnerungen in Gedächtnisnetzwerken organisiert sind und über assoziative Kanäle miteinander in Verbindung stehen.
- Transpersonale Psychologie: Nach Stanislav Grof ist dieses Konzept als COEX-Systeme (Systeme kondensierter Erfahrung) bekannt.
Auch wenn die Begrifflichkeiten variieren: Das implizite Grundprinzip bleibt gleich und hat längst Einzug in unser populäres Verständnis der menschlichen Psyche gehalten.
Wie ein innerer Bauplan entsteht: Ein Praxisbeispiel
Um diesen Mechanismus greifbar zu machen, hilft ein Blick auf ein typisches Fallbeispiel. Ein Kind – nennen wir sie Sarah – macht wiederholt eine spezifische, schmerzhafte Erfahrung. Sie wächst in einem Umfeld auf, in dem Zuneigung und Aufmerksamkeit an strikte Bedingungen geknüpft sind. Bringt sie eine schlechte Note nach Hause oder geht beim Spielen etwas kaputt, reagieren die Bezugspersonen mit eisigem Schweigen, Liebesentzug oder scharfer Abwertung.
Sarahs Psyche lernt in diesen Momenten weit mehr als nur den rationalen Satz: „Ich habe einen Fehler gemacht“. Da solche Erlebnisse für ein Kind existenziell bedrohlich sind, brennen sie sich tief ein und bilden einen emotionalen Prototyp. Die unzähligen kleinen und großen Momente der Zurückweisung werden in einem Netzwerk gebündelt.
Daraus kristallisiert sich im Laufe der Zeit eine zentrale, emotional stark aufgeladene Überzeugung heraus. Im Fall von Sarah lautet diese: „Ich bin ungenügend.“ Diese Grundannahme wird ab sofort zur permanenten Brille, durch die Sarah sich selbst und die Welt betrachtet.
Warum Einsicht allein oft nicht heilt
In der Psychotherapie gehen wir im Wesentlichen davon aus, dass belastendes Erleben und Verhalten nicht aus dem Nichts entstehen. (Auch wenn wir uns das im Therapiealltag durchaus öfter bewusst machen sollten, wie ich an anderer Stelle genauer ausführe) . Sie entstehen vielmehr dadurch, dass wir eine aktuelle Situation implizit in einen veralteten, nicht hilfreichen Rahmen einordnen.
Dieser Bewertungsprozess läuft blitzartig ab. Er wird von den automatisierten, evolutionär älteren Teilen unseres Gehirns (wie dem limbischen System) vorgenommen, noch bevor unser bewusstes Denken überhaupt anspringt. Daher ist uns dieser Vorgang oft gar nicht bewusst. Und selbst wenn wir ihn bemerken, steht unser rationaler Verstand dem Ganzen meist völlig hilflos gegenüber.
Wir fühlen und handeln in solchen Momenten eben nicht auf Basis einer nüchternen Analyse der aktuellen Situation. Stattdessen nimmt unser Gehirn eine unbewusste Gleichsetzung vor: Die gegenwärtige Situation wird mit dem prototypischen Erlebnis aus unserer Lerngeschichte verschmolzen. Das ist der Hauptgrund, warum einfaches Umdenken, der Appell an die Vernunft oder das bloße intellektuelle Verstehen des eigenen Problems oft so wenig verändern.
Das Wissen um unsere frühen, prägenden Erfahrungen ist in der Regel nicht deklarativ-sprachlich gespeichert – also nicht wie Vokabeln oder historische Fakten, die wir einfach abrufen und umformulieren können. Es ist stattdessen emotional, interozeptiv (über die Wahrnehmung der eigenen Körpervorgänge), physiologisch und motorisch tief in uns verankert. Das Beste, was unser logischer Verstand in diesen Momenten noch leisten kann, ist das Dagegenanreden. Wir versuchen verzweifelt, uns selbst zu beruhigen oder zusammenzureißen, um nicht irrational zu handeln. Aber seien wir ehrlich: Das ist häufig so, als würde man gegen einen Orkan anschreien.
Wir fühlen uns trotzdem mies, stehen unter enormer Anspannung und können nicht entspannen. Meistens sieht man es uns auch an: Unser Verstand ist schlichtweg nicht in der Lage, unsere Körpersprache, unsere Mikroausdrücke und unsere Stimmfärbung auf einem derart feinen Niveau zu koordinieren wie unsere biologische Automatik. Die Dissonanz zwischen dem, was wir nach außen hin darstellen wollen, und der inneren Alarmsituation wird für uns – und oft auch für andere – schmerzhaft spürbar.
Sarah im Auge des Sturms: Ein Alltagsbeispiel
Wie sich das im Alltag auswirkt, zeigt Sarahs Leben 25 Jahre später : Sie ist mittlerweile 32 Jahre alt und arbeitet erfolgreich in einer Agentur. In einem wöchentlichen Team-Meeting weist ihr Chef sachlich auf einen kleinen inhaltlichen Fehler in ihrer letzten Präsentation hin und bittet sie, diesen bis morgen zu korrigieren. Objektiv betrachtet handelt es sich um eine absolute Banalität im Arbeitsalltag und keinen Grund zur Panik.
Doch Sarahs inneres System bewertet die Situation nicht objektiv. Der kleine Kritikpunkt trifft zielsicher den alten assoziativen Kanal und aktiviert ihre prototypische Grundannahme: „Ich bin ungenügend.“ In Millisekunden schlägt ihr System Alarm, denn Fehler bedeuteten in ihrer Kindheit emotionale Kälte und Beziehungsverlust. Ihr Körper reagiert entsprechend prompt:
- Ihr Herz beginnt zu rasen,
- ihr wird heiß,
- und der Hals schnürt sich zu.
Ihr präfrontaler Kortex – ihr logischer Verstand – versucht verzweifelt zu intervenieren: „Beruhige dich, es ist nur ein kleiner Fehler, er hat dich doch gestern erst gelobt, das ist nicht schlimm.“ Aber das ist der besagte Schrei gegen den Orkan. Sarah fühlt sich in diesem Moment existenziell bedroht und klein. Sie versucht zwar, professionell zu nicken und zu lächeln, doch ihre Körperhaltung ist starr, ihre Stimme beim Antworten belegt und ihre Gesichtszüge angespannt. Nach dem Meeting ist sie völlig erschöpft und verbringt den restlichen Tag damit, an sich selbst zu zweifeln.
Gegen diese massive Hilflosigkeit kämpfen viele Betroffene oft schon seit Jahren an. Sie stigmatisieren sich selbst mit quälenden Fragen: „Stimmt etwas nicht mit mir? Wieso reagiere ich schon wieder so über? Bin ich einfach nicht belastbar?“ Genau an diesem Punkt der Verzweiflung suchen viele Menschen Hilfe in einer Psychotherapie. Dort erwarten sie dann oft einen linearen Veränderungsprozess nach dem Motto: „Ich arbeite jetzt an mir, lerne ein paar Methoden, und dann wird es stetig besser.“ In der Realität gestaltet sich dieser Weg jedoch völlig anders – und vor allem viel holpriger.
Der Köcher der bedingten Annahmen
Die vielen verschiedenen Problembereiche, die Patient*innen in die Praxis mitbringen, sind oft nur unterschiedliche Manifestationen ein und desselben Grundproblems. In der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) unterscheiden wir hierbei zwischen Grundannahmen und bedingten Annahmen.
Während die Grundannahmen die zentralen, hochgradig emotional aufgeladenen Überzeugungen über sich selbst, andere Menschen und die Welt darstellen (bei Sarah: „Ich bin ungenügend“) , entwickelt die Psyche Schutzstrategien, um mit einer so schmerzhaften und bedrohlichen Grundannahme überhaupt überleben zu können.
Hier kommen die bedingten Annahmen ins Spiel. Sie sind quasi die „Wenn-Dann-Regeln“, die erklären, wie ein Mensch gelernt hat, trotz dieses bedenklichen Fundaments seine Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit oder Autonomie zu erfüllen. Während psychotherapierelevante Themen selten mehr als ein oder zwei zentrale Grundannahmen aufweisen, besitzen Menschen einen ganzen Köcher voller bedingter Annahmen. Diese setzen sie je nach Situation oder Eskalationsstufe ein – insbesondere dann, wenn vorherige Lösungsversuche scheitern.
Ein Blick in Sarahs Werkzeugkasten verdeutlicht das Prinzip:
- Strategie 1 (Anpassung/Perfektionismus): „Wenn ich immer 150 Prozent gebe, keine Fehler mache und es allen recht mache, dann merkt niemand, wie ungenügend ich wirklich bin, und ich werde nicht abgelehnt.“ (Deshalb arbeitet sie bis zur Erschöpfung und traut sich nicht, Nein zu sagen) .
- Strategie 2 (Rückzug/Vermeidung): Wenn Strategie 1 scheitert – etwa durch die leichte Kritik ihres Chefs im Meeting –, greift die nächste Regel: „Wenn ich trotzdem kritisiert werde, dann muss ich unsichtbar werden und mich zurückziehen, bevor ich ganz verstoßen werde.“
Das ist für die Betroffenen selbst extrem verwirrend. Oft fragen sie sich: „Bin ich jetzt eigentlich ängstlich, harmoniebedürftig oder abweisend?“ Sie bringen diese widersprüchlichen Reaktionen nicht miteinander in Verbindung, da sie nicht erkennen, dass alle Pfeile aus demselben Köcher stammen und demselben Ziel dienen: die schmerzhafte Grundannahme abzuwehren.
Vertikale Analyse: Das Fundament freilegen
Die Psychotherapie arbeitet nun genau daran, aus dem anfänglichen Problemknäuel diese bedingten Annahmen und die dahinterliegende Grundannahme herauszuarbeiten. Dieser diagnostische Prozess wird als vertikale Analyse bezeichnet und bildet quasi den störungsrelevanten Teil der Persönlichkeit ab. Anschließend werden daraus gemeinsam Veränderungsziele abgeleitet. Häufig bringt allein schon das Bewusstmachen und Benennen dieser Muster eine erste, heilsame Distanzierung mit sich.
Aber genau hier setzt der Punkt an, an dem die Veränderung schwierig wird und Zeit braucht. Menschen speichern selbst- und lebensbezogenes Wissen nämlich nicht in einem luftleeren Raum ab, wo ein Datensatz säuberlich getrennt neben dem anderen liegt. Sie konstruieren sich stattdessen eine ganze Welt daraus und gleichen all ihre Wissensinhalte kontinuierlich miteinander ab.
Noch komplexer wird es dadurch, dass sie ihre Sichtweisen auch mit ihren Liebsten, mit gesellschaftlichen Ideen und Institutionen synchronisieren. Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz erklärt in diesem Zusammenhang unglaublich viel über den psychotherapeutischen Prozess!
Menschliches Wissen ist kein einfaches Datenarchiv, sondern ein aus unzähligen Ziegeln gemauertes, hochkomplexes Bauwerk. Wenn wir in der Therapie die Grundannahme eines Menschen verändern wollen, dann reißen wir nicht einfach eine unschöne Tapete ab – wir versuchen, das Fundament eines bereits fertigen und bewohnten Hauses umzubauen. Für die Psyche wäre es enorm energieaufwendig und bedrohlich, sich mit jeder neuen, widersprüchlichen Information komplett neu zu strukturieren. Daher wählt sie den Weg des geringsten Widerstands: Sie ignoriert neue Informationen oder verbiegt sie so lange, bis sie in das alte Schema passen.
Wenn Sarah nun in die Therapie kommt, interpretiert sie auch diesen Prozess unweigerlich durch die Linse ihrer alten Annahmen. Ein klassisches Paradoxon entsteht: Als leistungsorientierter Mensch wird Sarah mit eisernem Perfektionismus und größtem Engagement versuchen, die therapeutische Hausaufgabe zu erfüllen, weniger zu leisten und mehr zu entspannen. Sie will eine „gute Patientin“ sein, um bloß nicht ungenügend zu sein.
Der Therapeut als Leuchtturm im Dissonanz-Sturm
Genau wegen dieser massiven inneren Widerstände gegen Veränderungen ist es für Betroffene so unheimlich schwer, sich aus eigener Kraft zu befreien. In dieser Phase muss der Psychotherapeut als eine Art Leuchtturm dienen. Er weist den Weg zur Veränderung, bleibt stabil in der Brandung – und muss gleichzeitig aushalten, dass er anfänglich systematisch fehlverstanden wird.
Dieses Phänomen der Fehlinterpretation auf Basis der bisherigen Schemata ist in der Psychotherapie als Übertragung (und die Reaktion des Therapeuten darauf als Gegenübertragung) bekannt. Der Patient stülpt quasi seine alte Blaupause über die neue therapeutische Beziehung.
Mitten in einer Sitzung sagt der Therapeut beispielsweise zu Sarah: „Lassen Sie uns an dieser Stelle kurz innehalten und spüren, was gerade passiert.“ Eine völlig neutrale, hilfreiche therapeutische Intervention. Doch Sarahs Alarmsystem springt sofort an. Durch die Brille ihrer Grundannahme („Ich bin ungenügend“) interpretiert sie die Pause als verdeckte Kritik: „Ich habe zu viel geredet. Ich mache die Therapie falsch. Er ist genervt von mir und findet mich anstrengend.“
Die Fallkonzeption als gemeinsamer Kompass
Um in dieser Phase der Verunsicherung nicht gemeinsam die Orientierung zu verlieren, ist eine solide Fallkonzeption das zentrale Instrument. Sie dient Therapeut und Patient als gemeinsamer Kompass. Ausgehend von der identifizierten, dysfunktionalen Grundannahme wird nun eine adaptive, anstrebenswerte Grundannahme definiert – ein neues Fundament, das gebaut werden soll. Für Sarah könnte diese neue, gesunde Grundannahme lauten: „Ich bin wertvoll und genüge, genau so, wie ich bin.“
Es gibt viele Techniken, um auf diese neue Überzeugung hinzuarbeiten. Die Möglichkeiten in der Verhaltenstherapie sind vielfältig:
- Sokratischer Dialog: Das gezielte, kritische Hinterfragen alter Denkmuster und Überzeugungen.
- Imagery Rescripting: Das Umschreiben und emotionale Heilen belastender Kindheitserinnerungen in der Vorstellung.
- Rollenspiele: Zum praktischen Einüben und Erproben neuer Verhaltensweisen.
- Protokolltechniken: Zur systematischen Selbstbeobachtung im Alltag.
Am wirkungsvollsten ist es, multimodal vorzugehen: Viele verschiedene Techniken werden präzise auf dieses eine gemeinsame Ziel ausgerichtet, um einen maximalen Impact zu ermöglichen.
Ein Beispiel für eine solche Technik ist das Führen eines strukturierten Protokolls: Sarah bekommt die Aufgabe, ein „Tagebuch der Selbstwirksamkeit“ zu führen. Sie soll jeden Tag kleine Situationen notieren, in denen sie nicht perfekt war oder in denen sie eine Grenze gesetzt hat (z. B. „Ich habe eine E-Mail erst am nächsten Tag beantwortet“) – und bei denen die Welt nicht untergegangen ist und sie nicht verstoßen wurde. So sammelt sie gezielt neue, reale Beweise für ihre adaptive Grundannahme.
Das Paradoxon: Warum Veränderung anfangs wehtut
An diesem Punkt wackeln viele therapeutische Prozesse, weil ein zentrales Missverständnis auftritt: Diese Techniken werden anfänglich oft keine positiven Gefühle hervorrufen. Viele Menschen suchen in der Psychotherapie nach rascher Erleichterung und erwarten implizit: Wenn ich endlich das Richtige tue und an mir arbeite, dann muss sich das doch gut anfühlen.
Die Realität der Psyche ist jedoch eine andere. Neue Interventionen erhöhen zunächst die Dissonanz – also die erlebte Widersprüchlichkeit im eigenen System. Das alte, gewohnte (wenn auch schmerzhafte) Fundament wird angegriffen, das neue ist aber noch nicht tragfähig.
Auf eine tiefgreifende Intervention folgt daher oft keine Erleichterung, sondern das genaue Gegenteil:
- Emotionale Taubheit,
- tiefe Verwirrung und massive Verunsicherung,
- der unumstößliche Eindruck, dass sich das alles „falsch“ anfühlt,
- oder sogar extrem belastende Gefühle wie Ärger, Scham und Schuld.
Wenn der Therapeut beispielsweise Imagery Rescripting nutzt und in Sarahs Vorstellung eine Erinnerung aus ihrer Kindheit betritt, um die kleine Sarah vor den ungerechten, kalten Vorwürfen ihres Vaters in Schutz zu nehmen, passiert oft etwas Unerwartetes : Anstatt Erleichterung zu spüren, reagiert die erwachsene Sarah plötzlich mit Verwirrung und Ärger auf den Therapeuten: „Was soll das bringen? Das ist doch albern, Sie waren ja gar nicht dabei! Und außerdem hatte mein Vater ja recht, ich hatte die Note ja wirklich verhauen!“
Ihr System wehrt sich vehement. Dem Vater die Verantwortung zu geben und sich selbst als „wertvoll“ anzuerkennen, bedroht ihre alte Überlebensstrategie und erzeugt eine immense innere Spannung. Die alte Grundannahme schreit förmlich auf. Genau aus diesem Grund brauchen Betroffene eine professionelle Begleitung und eine saubere Fallkonzeption. Wenn die Spannung steigt und es sich „schlimmer“ anfühlt als vorher, ist das oft kein Zeichen für ein Scheitern, sondern der unvermeidliche Reibungsschmerz des inneren Umbaus.
Das Kippen des Systems
Psychotherapie im Sinne einer echten Persönlichkeitsveränderung bedeutet, gemeinsam diesem „Nordstern“ – der neuen, adaptiven Grundannahme – zu folgen. Es geht darum, neue Erfahrungen im problemrelevanten Bereich zu ermöglichen und gleichzeitig die aufkommende kognitive Dissonanz zu normalisieren und zu managen.
Mit der zunehmenden Persistenz dieser neuen, positiven Erfahrungen kommt das alte System schließlich ins Wanken. Das passiert selten unbemerkt. Manchmal kommt es zu echten Wachstumskrisen oder zu dem verwirrenden Gefühl, dass plötzlich „zwei Wahrheiten gleichzeitig da sind“.
In dieser intensiven Umbauzeit berichten viele Betroffene von lebhaften Träumen. Alte Erinnerungen tauchen plötzlich wieder auf, werden aber nun in einem völlig anderen Licht betrachtet. Häufig beginnen Klient*innen auch, tiefgehende Recherchen anzustellen, sich intensiv mit ihren Themen auseinanderzusetzen, sich von belastenden Beziehungen zu distanzieren oder erstmals gesunden Ärger zu verspüren. Manchmal werden der Wohnort oder der Arbeitsplatz gewechselt. Diese Phase ist destabilisierend und energetisierend zugleich.
Das Zauberwort hierfür lautet Diskriminationslernen. Die neue Grundannahme löscht die alte nicht einfach aus, sie ergänzt sie. Ein Mensch, der früher gelernt hat, dass alle Menschen potenziell bedrohlich sind, wird durch die Therapie nicht plötzlich naiv jedem blind vertrauen. Er lernt stattdessen präzise zu unterscheiden: Wem kann ich vertrauen und wem nicht?
Der Durchbruch
Wenn schließlich die Aufmerksamkeit und die Interpretation von Situationen der neuen Grundannahme entsprechen, stellen sich auch endlich die passenden, positiven Gefühle ein. Das ist der Moment, in dem das positive Feedback im Herzen ankommt – auch wenn das oft erst sehr spät geschieht.
Monate später passiert Sarah beispielsweise erneut ein kleiner Fehler, auf den sie hingewiesen wird. Sie spürt noch, wie das alte System anspringen will – der Herzschlag wird etwas schneller. Aber die Automatik greift nicht mehr durch. Sie hält inne, atmet durch und ordnet die Situation durch ihre neue Brille ein: „Okay, ich habe mich vertippt. Das ist ärgerlich, aber das macht mich nicht als Mensch ungenügend.“ Sie bedankt sich ruhig für den Hinweis und korrigiert den Fehler.
Nach Feierabend bemerkt sie verwundert, dass sie auf dem Heimweg gar nicht mehr darüber grübelt. Sie fühlt sich leicht und empfindet plötzlich einen tiefen Stolz auf sich selbst.
Ab diesem Punkt geht es eigentlich nur noch um ein Mehr desselben. Die neue Grundannahme und die damit verbundenen Denk- und Verhaltensweisen werden vertieft, im Alltag weiter geübt und bewusst wahrgenommen, damit sie zunehmend dominanter werden. Der schwere Stein ist endlich über die Hügelkuppe geschoben worden, und ab jetzt rollt er fast von allein.
Die Therapie wird zum Selbstläufer. Oft erleben Klient*innen nun eine sehr expansive Phase, die mit vielen kraftvollen, positiven Veränderungen in ihrem Leben einhergeht – sei es in Beziehungen, im Beruf oder im allgemeinen Selbstwertgefühl.
Diesen Prozess begleiten zu dürfen, ist etwas überaus Intimes und gehört zu den schönsten und bereicherndsten Aspekten meines Berufs als Psychotherapeut. Man hat gemeinsam mit den Klient*innen gerungen, an ihrer Seite auch die eine oder andere Talsohle der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit durchquert – nur um dann nach dieser beschwerlichen Reise zu sehen, wie sie plötzlich zu Dingen befähigt werden, die für sie bisher völlig undenkbar waren. Diese gemeinsamen, intensiven positiven Erfahrungen sind unglaublich wertvoll.
Ein abschließendes Plädoyer
Genau aus diesen Gründen ist fundierte Psychotherapie so viel mehr als das bloße Vermitteln von „Life-Hacks“. Pragmatische Werkzeuge und Verhaltenstipps haben absolut ihre Berechtigung, doch sie sind schlichtweg nicht das, was die meisten Menschen, die chronisch leiden, suchen oder brauchen. Werkzeuge benötigen ein stabiles, emotional-motivationales Fundament – und genau dieses Fundament ist erfahrungsgemäß das eigentliche Problem.
Menschen verausgaben sich in einem inneren, stillen Konflikt zwischen ihren verbal-logischen Verstandesteilen und den bildlich-assoziativen, emotionalen Netzwerken ihrer frühen Erfahrungen. Sie können sich nicht aus eigener Kraft daraus befreien, weil ihre Definition des Problems meist schon Teil des Problems ist und die Feedbackschleifen verkehrt herum laufen.
Therapie ist die Synthese der Gegensätze. Es ist das Erreichen von etwas, das innerhalb der alten, binären Logik des Patienten gar nicht denkmöglich oder erfahrbar gewesen wäre. Es ist die zugrundeliegende Selbst- und Weltsicht, die dazu führt, dass Menschen mit bestem Wissen und Gewissen Dinge tun, die ihnen eigentlich schaden. Sie können ihre Lösungsansätze aber nur innerhalb ihrer begrenzten alten Weltsicht formulieren.
Es liegt am Therapeuten, diese Sichtweise gemeinsam mit den Klient*innen tiefgreifend zu verstehen und sie dann genau an den richtigen Stellen ausdauernd und vielseitig so sehr zu „stören“, dass daraus eine neue, adaptivere Realität erwachsen kann – und den Menschen in diesem enorm herausfordernden Umbauprozess mutig und verlässlich zur Seite zu stehen.
Kennen Sie dieses ständige Anschreien gegen den inneren Orkan ? Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiedererkennen und das Gefühl haben, dass alte Grundannahmen Sie immer wieder ausbremsen, müssen Sie diesen Weg nicht alleine gehen. Als Verhaltenstherapeut unterstütze ich Sie gerne dabei, Ihre ganz persönliche „vertikale Analyse“ zu erstellen und den oft herausfordernden, aber lohnenden Umbau Ihres inneren Fundaments anzugehen.
Kontaktieren Sie mich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch in meiner Praxis in Wien oder schreiben Sie mir. Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen!