Wir leben in einer Zeit, in der das Bewusstsein für Neurodiversität rasant wächst. Doch unser medizinisches und psychologisches System klammert sich noch immer stark an kategoriale Diagnosen: Man hat Autismus (ASS) – oder eben nicht. Man hat ADHS – oder nicht. Die klinische Realität sieht jedoch völlig anders aus. Menschen passen selten perfekt in diese starren Boxen. Vielmehr zeigt sich Neurodiversität als ein komplexes, multidimensionales Spektrum.

Genau hier setzt der Fragebogen zu funktionell-dimensionaler Neurodiversität (FFDN) an. Sein Ziel ist es nicht, einen weiteren Stempel zu verteilen, sondern das einzigartige neurokognitive Profil eines Menschen sichtbar zu machen. Neurodiversität wird im FFDN nicht als reine „Eigenschaft“ oder gar „Defizit“ des Individuums verstanden, sondern als Diskrepanz zwischen den Anforderungen der sozialen oder materiellen Umwelt und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten.

Um dieses Profil messbar zu machen, hat der FFDN in den letzten Monaten eine faszinierende Entwicklung durchlaufen. Die Reise von Version 1.0 zur aktuellen Version 1.5 war geprägt von überraschenden Datensätzen, verworfenen Hypothesen und einer deutlichen Schärfung des Instruments.

Der Startpunkt: Version 1.0 und die klinische Intuition

Die erste Version des FFDN (v1.0) entstand quasi am Reißbrett der therapeutischen Praxis. Die Items und Skalen wurden primär deduktiv entwickelt – basierend auf neuropsychologischen Konstrukten, etablierter Fachliteratur und jahrelanger klinischer Erfahrung.

In dieser ersten Fassung trennten wir noch sehr strikt nach klassischen Bereichen. Es gab eine eigene Dimension für die Sensorik und Physiologie (also wie Reize aufgenommen und gefiltert werden) und eine separat gedachte Dimension für Emotionen (wie diese verarbeitet und reguliert werden). Das erschien logisch und spiegelte die klassischen Diagnosekriterien und psychologischen Modelle wider. Doch die Praxis ist das eine, die reine, unbestechliche Statistik das andere.

Der Realitätscheck: Version 1.5 und die Sprache der Daten

Nachdem die ersten ca. 90 Datensätze gesammelt waren, ging es an die statistische Auswertung (Faktoren- und Reliabilitätsanalysen). Ziel war es, die Trennschärfe der Items zu überprüfen, Redundanzen zu entfernen und den Fragebogen praxistauglicher (sprich: kürzer und präziser) zu machen.

Das Ergebnis war eine deutliche Reduktion der Items und eine fast komplette Neuzusammenstellung der Skalen. Doch die Statistik lieferte zwei massive Überraschungen, die unsere Sichtweise auf die Konstrukte nachhaltig verändert haben:

Überraschung 1: Sensorik und Emotionalität sind untrennbar

Wir waren fest davon ausgegangen, dass sich die emotionale Regulation als eigenständiger Faktor in den Daten zeigen würde. Doch die statistische Trennung zwischen Sensorik und Emotionalität war schlichtweg nicht aufrechtzuerhalten. Die Daten zeigten uns überdeutlich: Die Reizverarbeitung und die emotionale Regulation laden auf denselben Faktor. Klinisch ergibt das im Nachhinein absolut Sinn: Wenn das Nervensystem Reize (Licht, Lärm, Texturen) nicht adäquat filtern kann, steigt der Stresspegel rasant. Die emotionale Dysregulation ist oft keine eigenständige „Störung“, sondern die direkte, unmittelbare Folge einer sensorischen Überlastung. Deshalb wurden diese beiden Bereiche in Version 1.5 konsequenterweise zur Hauptdimension 1 („Reizverarbeitung und Stressbewältigung“) verschmolzen.

Überraschung 2: Die „Ganzheitliche Wahrnehmung“ als Wildcard

Noch spannender war die Entstehung einer völlig neuen Skala. Bei der Faktorenanalyse gruppierten sich plötzlich Items, die wir ursprünglich über sämtliche verschiedenen Dimensionen verteilt hatten. Sie bildeten einen hochsignifikanten, eigenen Faktor, den wir so überhaupt nicht intendiert hatten.

Wir nannten diese neue Subskala „Ganzheitliche Wahrnehmung“. Sie beschreibt die Neigung (und oft die Notwendigkeit), Reize erst dann verarbeiten zu können, wenn sie in einen großen Gesamtkontext eingebettet sind (Monotropismus/Bottom-Up-Verarbeitung). Dass sich dieses Muster statistisch derart robust quer durch alle ursprünglichen Kategorien zog, bestätigt, wie fundamental diese Art der Informationsverarbeitung für Menschen ist.

Die neue Architektur: Der FFDN (Version 1.5) im Überblick

Aus den Erkenntnissen der Datenanalyse entstand eine deutlich verschlankte, empirisch validierte Struktur, die sich nun in drei Hauptdimensionen und deren spezifische Subdimensionen gliedert:

1. Reizverarbeitung und Stressbewältigung Hier geht es um den grundlegenden „Input“ und wie das System damit umgeht. Und interessanterweise das Emotionserleben.

2. Handlungssteuerung und Selbstkontrolle Diese Dimension deckt die kognitive Übersetzung von Absichten in Handlungen ab.

3. Kommunikation und Beziehungsgestaltung Hier wird gemessen, wie viel Energie es kostet, mit den neurotypischen Erwartungen der Umwelt zu interagieren.

Mit dieser datengestützten Struktur haben wir nun ein Instrument, das nicht nur spannende Fragen stellt sondern auch sinnvolle Antworten dazu liefert. An dieser Stelle möchte mich mich auch bei allen TeilnehmerInnen bedanken, die uns großzügig ihre Zeit geschenkt haben, um den Fragebogen auszufüllen und teilweise noch zusätzliche Arbeit darin investiert haben, uns wertvolles Feedback zu geben.

Ich hoffe, wir konnten hier ein Stück weit nachvollziehbar machen, wie sich der FFDN von einer klinischen Idee zu einem datengestützten Profil entwickelt hat. Doch gute Fragen allein machen noch keinen guten Test. Die wahre Magie passiert bei der Auswertung: Wie interpretieren wir die Antworten? Und wie stellen wir sicher, dass der Fragebogen wirklich verlässliche Ergebnisse liefert?

Das Problem mit der „Norm“ und unsere Lösung

Normalerweise werden psychologische Tests an einer riesigen, repräsentativen Bevölkerungsstichprobe geeicht. Man misst den Durchschnitt, berechnet die Standardabweichung und sagt dann: „Dein Wert ist überdurchschnittlich.“ Für den FFDN hatten wir jedoch (noch) keine repräsentative Stichprobe der Gesamtbevölkerung, sondern einen hochspannenden Datensatz von 195 Personen. Diese Stichprobe war sehr speziell zusammengesetzt:

Zudem zeigte die statistische Analyse etwas sehr Erfreuliches: Es gab keinerlei signifikante Alters- oder Geschlechtseffekte. Der Fragebogen funktioniert also für junge Erwachsene genauso gut wie für ältere, unabhängig vom Geschlecht.

Da wir den Durchschnitt der Bevölkerung nicht kannten, machten wir aus der Not eine Tugend und nutzten genau diese Verteilung als Schablone für unsere Auswertung. Anstatt Ergebnisse stur als „durchschnittlich“ oder „auffällig“ zu deklarieren, haben wir Schwellenwerte gebildet, die sich an der Realität unserer Stichprobe orientieren. Wenn eine Person den FFDN ausfüllt, schauen wir: In welchem Wertebereich liegst du? Bewegen sich in diesem Spektrum vorwiegend die Personen ohne Befund, die Personen mit einem ersten Verdacht oder jene mit einer gesicherten Diagnose? Diese farbcodierte Skalierung (Grün = Unauffällig, Gelb = Verdachtsbereich, Rot = Diagnostizierter Bereich) liefert eine viel lebensnähere und validere Orientierung als abstrakte Normwerte. Auf diese Weise können die Benutzer ihre Ergebnisse einordnen, was sich in der Praxisnutzung bereits bewährt hat.

Kann ein Fragebogen Diagnosen vorhersagen?

Eines unserer größten Ziele war es, nicht nur ein Profil zu erstellen, sondern auch eine konkrete Entscheidungshilfe zu bieten: Lohnt sich eine aufwendige klinische Diagnostik? Dafür haben wir statistisch ermittelt, welche Kombinationen unserer Skalen am besten vorhersagen können, ob jemand tatsächlich eine ADHS- oder ASS-Diagnose hat. Das Ergebnis sind zwei extrem trennscharfe Indikator-Scores mit berechneten Cut-off-Werten:

Wie sind diese Zahlen zu interpretieren? In der Welt der Fragebögen sind Sensitivitäten und Spezifitäten von um die 90 % ein herausragend gutes Ergebnis. Es zeigt, dass wir passende Fragen stellen, um neurodivergente Muster herauszufiltern. Dabei war es uns ein besonderes Anliegen insbesondere die Spezifität zu maximieren, um im klinischen Alltag mit einem Standard-Screening nicht ständig falsche Positive zu produzieren. Die Ergebnisse sind erfreulich – dennoch ist wichtig zu bedenken: Ein Fragebogen, egal wie gut er statistisch performt, ist ein Scheinwerfer, kein MRT. Er leuchtet sehr präzise aus, wo Fachleute genauer hinsehen sollten. Er gibt eine klare, evidenzbasierte Empfehlung für eine Weiterbehandlung – aber er ersetzt niemals das klinische Auge und das Gespräch mit einem Menschen.

Der Härtetest: Wie zuverlässig ist der FFDN?

Um zu prüfen, ob ein Test nicht nur per Zufall gut funktioniert, berechnet die Statistik das sogenannte Cronbachs Alpha. Dieser Wert misst die „interne Konsistenz“ – also ob alle Fragen, die dasselbe Thema messen sollen, auch wirklich am selben Strang ziehen. Ein Wert ab 0,70 gilt als gut, alles über 0,90 als exzellent.

Die Ergebnisse des FFDN sprechen hier eine deutliche Sprache:

Was bedeutet das für die Praxis? Es beweist, dass der FFDN ein in sich hochstabiles Instrument ist. Wenn der Fragebogen eine Belastung im Bereich der Reizverarbeitung anzeigt, dann existiert dieses Konstrukt messbar und valide in den Antworten der Person – es ist kein statistisches Rauschen. Der FFDN misst das, was er messen soll. Und er tut es mit bemerkenswerter Präzision.

Der Ergebnisreport: Ergebnisse verständlich darstellen

Wer den FFDN ausfüllt, erhält am Ende eine sofortige, persönliche Rückmeldung. Anfänglich waren die Ergebnisse wohl nur für uns verständlich, weil wir unsere Energie zunächst in die Erstellung eines funktionierenden Fragebogens gesteckt haben. Als wir diesen Meilenstein erreicht hatten, haben wir viel Arbeit in die Benutzeroberfläche des Reports gesteckt, da die Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse für die Menschen, die den Fragebogen ausfüllen und sich daraus womöglich Aufschluss über sich selbst erhoffen, eigentlich die wichtigste Funktion eines solchen Instruments darstellt:

Diese Aufbereitung macht die Ergebnisse nicht nur für Fachleute nutzbar, sondern befähigt die Patient:innen selbst, ihr eigenes neurokognitives Profil – ihre Stärken, ihre Erschöpfungsquellen und ihre Art der Reizverarbeitung – besser zu verstehen. Es ist ein Bericht für die Betroffenen, nicht nur über sie.

Ausblick und nächste Schritte

Wenn wir heute auf das FFDN-Projekt blicken, können wir festhalten: Die anfänglichen Ziele wurden weit übertroffen. Was als Versuch begann, neurokognitive Profile differenzierter abzubilden, ist mittlerweile zu einem echten, hochfunktionalen Werkzeug für den klinischen Alltag herangereift.

Ein Gewinn für die therapeutische Praxis

Der FFDN eignet sich inzwischen hervorragend als Standard-Screening für Patient:innen – und er ist dabei komplett gratis. Für uns Therapeut:innen bietet er einen unschätzbaren Vorteil: Wir erhalten gleich zu Beginn einen exzellenten Überblick darüber, wie das „Temperament“ und das neuronale System unserer Patient:innen funktionieren. Wo liegen die Stärken? Wo liegen verborgene Belastungen?

Diese Landkarte hilft enorm beim Verständnis der individuellen Problematik und bei der Therapieplanung. Ein weiterer unschätzbarer Vorteil im Praxisalltag: Der Fragebogen liefert uns durch die neu berechneten Indikatoren frühzeitig einen klaren Hinweis darauf, ob eine formale ASS- oder ADHS-Diagnostik sinnvoll ist. So verhindern wir, dass wir erst in Therapieeinheit 20 zufällig darauf stoßen, dass bestimmte Schwierigkeiten auf eine unerkannt neurodivergente Struktur zurückzuführen sind.

Obwohl der FFDN noch immer recht umfangreich ist, konnten wir die Anzahl der Fragen im Vergleich zur Ursprungsversion um ein Drittel reduzieren. Zudem garantiert das Tool höchste Datensicherheit: Die Eingaben werden rein lokal im Browser verarbeitet. (Die Datenübermittlung zur Auswertung an uns erfolgt lediglich über einen verschlüsselten E-Mail-Text am Ende.)

Die nächsten Meilensteine

Wir stehen aktuell kurz davor, unsere anvisierte Stichprobe von 200 Datensätzen zu knacken – voraussichtlich passiert das bereits morgen! Und da uns die Testkriterien (Sensitivität, Spezifität, Reliabilität) jetzt schon glücklicher machen, als wir es je zu hoffen gewagt hätten, ist der Fahrplan für die Zukunft klar definiert:

  1. Erstellung eines Manuals: Ein ausführliches Handbuch wird Therapeut:innen und Diagnostiker:innen die genaue Interpretation und Anwendung erleichtern.
  2. Publikation und Öffentlichkeitsarbeit: Der FFDN soll der breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Verfassen eines wissenschaftlichen Fachartikels steht hier ganz oben auf der Liste.
  3. Klinische Kooperationen: Wir streben die Zusammenarbeit mit einer Fachstelle für ASS/ADHS-Diagnostik an. Das Ziel ist es, noch belastbarere Vergleichsdaten zur syndromalen Validität in einem hochspezialisierten Setting zu sammeln.
  4. Englische Übersetzung: Um den Fragebogen einem größeren internationalen Publikum und englischsprachigen Klient:innen zugänglich zu machen.
  5. Fachgesellschafts-Rollout: Wir planen, den FFDN im Rahmen einer psychotherapeutischen Fachgesellschaft als Standard-Screening auszurollen. Begleitet wird dies von einem 1- bis 2-stündigen Einführungsseminar, um wertvolles Feedback der Kolleg:innen direkt wieder in das Tool einfließen zu lassen.
  6. Kontinuierliches Fine-Tuning: Ein guter Fragebogen ist nie „fertig“. Wir werden künftig immer 5 bis 10 rotierende „Aspirantenfragen“ in den Test einbauen. So können wir im Hintergrund statistisch prüfen, ob neue Konstrukte sinnvoll sind oder sich alternative Formulierungen besser bewähren. Der FFDN wird also mit den Jahren organisch weiterwachsen und noch präziser werden.

Der Weg von starren Diagnosen hin zu einem dimensionalen, ressourcenorientierten Verständnis von Neurodiversität ist lang – aber mit Werkzeugen wie dem FFDN sind wir genau auf dem richtigen Weg.