Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist besser behandelbar als ihr Ruf. Dieser ausführliche Überblick erklärt Symptome, Ursachen und die neue Sicht der ICD-11 – und zeigt, welche Behandlungswege nachweislich helfen.

Warum verdient gerade die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) einen ausführlichen Artikel in einem Psychotherapie-Blog? Die Antwort darauf liefert ein Blick in die Warteräume ambulanter Praxen und auf die Belegungspläne psychiatrischer Stationen. Menschen mit einer BPS machen im psychosozialen Bereich einen großen Teil der Hilfesuchenden aus. Oft geschieht das auch eher im Verborgenen, hinter anderen, vermeintlich „einfacheren“ Diagnosen wie wiederkehrenden Depressionen oder Angsterkrankungen.
Diese hohe Präsenz im Versorgungssystem zeigt vor allem eines: Den großen Leidensdruck, den ein reizoffenes und emotional schnell reagierendes Nervensystem mit sich bringt. Doch diese Statistik erzählt noch eine zweite, viel wichtigere Geschichte. Sie zeugt von einer bemerkenswert hohen Veränderungsbereitschaft. Wer sich so ausdauernd in therapeutische Behandlung begibt, leistet aktive Beziehungsarbeit und möchte wirklich etwas an der eigenen Situation verbessern.
Nun könnte man leicht dem Trugschluss erliegen, der Kontakt mit dieser Diagnose beschränke sich auf klinische Settings oder psychiatrische Stationen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit einer Häufigkeit von ein bis drei Prozent in der Gesamtbevölkerung1 verbringen betroffene Personen die meiste Zeit genau dort, wo wir alle sind: mitten im ganz normalen Alltag. Wir begegnen ihnen in der U-Bahn, leiten mit ihnen gemeinsame Projekte im Büro, lachen mit ihnen im Kino oder plaudern auf dem Elternabend. Dass uns die Diagnose dabei fast nie auffällt, liegt schlicht daran, dass das Bewältigen des Alltags meist ein recht leiser Kompensationsakt ist. Das von Filmen und Medien oft zitierte Klischee vom unberechenbaren Dauer-Drama weicht in der Realität zumeist einer gut funktionierenden, wenngleich nach innen recht anstrengenden Fassade.
Um dieser Lebensrealität abseits von alten Etiketten gerecht zu werden, lohnt sich ein differenzierter und sachlicher Blick auf das Thema. Dieser Beitrag soll genau diese Orientierung bieten.
Wir klären zuerst, was BPS im Kern eigentlich bedeutet und blicken dann auf die historische Entwicklung der Diagnose sowie ihre modernen Kriterien. Dann schauen wir uns typische diagnostische Fallstricke in der Praxis an – etwa die fast automatische Vergabe der Störung bei Selbstverletzungen – und werfen einen Blick auf die neurobiologischen Hintergründe. Im Anschluss betrachten wir, warum aktuelle Daten zum Langzeitverlauf viel Grund zur Zuversicht geben und welche psychotherapeutischen Werkzeuge sich wirklich bewähren. Abschließend klären wir die Tücken einer rein medikamentösen Behandlung, bevor ich meinen persönlichen, pragmatischen Ansatz aus dem Therapiealltag teile. Aber zunächst einmal die einfachste Frage: Was ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung überhaupt?
Einführung in die BPS
Um zu verstehen, was die Borderline-Persönlichkeitsstörung eigentlich ist, hilft es, sich von starren Diagnose-Schubladen zu verabschieden. Im Grunde beschreibt der Begriff das Zusammentreffen von drei zentralen Dynamiken, die sich im Alltag oft gegenseitig antreiben.
Die erste Komponente ist eine erhöhte, zumeist negative emotionale Reagibilität. Das innere Alarmsystem ist hier gewissermaßen sehr viel empfindlicher eingestellt. Gefühle schlagen schneller an, werden wesentlich intensiver erlebt und es dauert spürbar länger, bis das Nervensystem nach einer Aufregung wieder zur Ruhe kommt.
Dazu gesellt sich als zweiter Teil ein stark negatives Selbstbild, das eng mit ungünstigen Erwartungen an Mitmenschen verknüpft ist. Tief im Inneren schwelt oft die leise Überzeugung, irgendwie fehlerhaft oder nicht wirklich liebenswert zu sein. Begleitet wird dies von der ständigen, schmerzhaften Sorge, von anderen ohnehin irgendwann abgelehnt, enttäuscht oder verlassen zu werden. Wer die Welt durch diese Brille betrachtet, scannt seine Umwelt fast ununterbrochen nach kleinsten Anzeichen von Zurückweisung – was das ohnehin empfindliche emotionale System natürlich fortwährend unter Spannung setzt.
Der dritte Teil im Bunde ist die Impulsivität. Unser Gehirn verfügt normalerweise über eine Art innere Bremse, die uns hilft, kurz innezuhalten, bevor wir handeln. Bei dieser Diagnose ist diese Bremse jedoch oft recht schwach ausgeprägt. Wenn die emotionale Welle erst einmal rollt, fällt es schwer, den Drang zum sofortigen Handeln noch rechtzeitig abzufangen.
Nun wäre es jedoch ein großer Irrglaube anzunehmen, dass Betroffene all dies ununterbrochen und für alle sichtbar nach außen hin ausleben. Das bekannte Klischee vom ständigen Drama greift hier viel zu kurz. Die Realität sieht meist ganz anders aus: Das Leben mit dieser Struktur erfordert eine enorme, tagtägliche Kompensationsleistung. Viele Betroffene schaffen es durchaus, sich mühsam durch den Alltag, den Beruf oder familiäre Verpflichtungen zu navigieren. Doch diese beständige Anpassung an die Welt im Außen ist zutiefst kräftezehrend. Hinter der funktionierenden Fassade verbirgt sich nicht selten ein erhebliches inneres Leiden.
Wenn einen das eigene Fühlen nämlich immer wieder derart tiefgehend aus der Bahn wirft, ist es eine logische Konsequenz, dass man versucht, starke Emotionen so gut es geht zu vermeiden. Gefühle werden als potenziell bedrohlich erlebt, weil sie das mühsam aufrechterhaltene Alltagsgerüst sprengen könnten.
Doch Emotionen lassen sich auf Dauer nicht wegdrücken. Wenn sie unweigerlich durchbrechen und der innere Schmerz oder die Anspannung übermächtig werden, sucht der menschliche Organismus automatisch nach einem Ausweg. In einer solchen gefühlten Not entwickeln Menschen dysfunktionale Bewältigungsstrategien. Das ist nicht etwa ein Zeichen von Schwäche, sondern ein zutiefst menschlicher Versuch, einen unerträglichen Zustand irgendwie zu beenden.
Solche Strategien können ganz unterschiedlich aussehen. Sie reichen von Suchtverhalten über eine selbstschädigende Sexualität und nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten bis hin zu wiederkehrender Suizidalität. In dem Moment, in dem der Leidensdruck am höchsten ist, bieten diese Verhaltensweisen eine hochgradig wirksame – wenn auch langfristig schädliche – Erleichterung. Sie funktionieren als Notausgang.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur Impulsivität: Wenn der innere Schmerz so unerträglich ist, dass ein schädliches Verhalten augenblicklich Linderung verspricht, und gleichzeitig die innere Verhaltensbremse sehr schwach ist, wird es schwer, diesem starken Anreiz zu widerstehen. Es erfordert eine bemerkenswerte Kraft, sich in genau diesem Moment gegen die schnelle Erleichterung und stattdessen für das schmerzhafte Aushalten der Gefühle zu entscheiden.
Doch selbst wenn dieser Kraftakt gelingt und man sich entscheidet, das Gefühl auszuhalten, ist das erst der Anfang. Denn danach steht man vor der großen Frage: Und wie genau bewältige ich diese Situation nun? Was ist jetzt richtig oder falsch zu tun? Genau hier zeigt sich die ganze Tragweite der Diagnose. Es handelt sich nämlich keineswegs nur um ein reines Problem der Gefühlssteuerung. Den Betroffenen fehlen häufig auch exekutive (planende), interaktionelle (zwischenmenschliche) und selbstregulative Kompetenzen, um solche Herausforderungen konstruktiv zu lösen. Diese Fähigkeiten gehen unter Stress oft nicht einfach nur vorübergehend „verloren“ – sie konnten in der eigenen Lebensgeschichte oftmals gar nie richtig erlernt und verlässlich gefestigt werden.
Wer von einer intensiven Gefühlswelle überrollt wird und gleichzeitig nicht über das nötige Handwerkszeug verfügt, um Konflikte zu klären, Handlungsalternativen abzuwägen oder sich selbst zu regulieren, ist verständlicherweise heillos überfordert.
Das ist es letztlich, was die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Kern ausmacht: Ein Mangel an entscheidenden Lebenskompetenzen führt zu wiederkehrenden Hürden im Alltag. Hinzu kommt eine intensive emotionale Reaktion, besonders dann, wenn wichtige Beziehungen bedroht scheinen. In der Verzweiflung und der quälenden Unsicherheit, was nun das Richtige wäre, wird impulsiv gehandelt – meist in dem Versuch, die Situation irgendwie zu retten oder zumindest die kaum aushaltbaren Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen.
Auf diese impulsiven Lösungsversuche folgt dann oft das entsetzte Feststellen, dass man alles eigentlich nur noch schlimmer gemacht hat. Wenn das Umfeld daraufhin negativ reagiert und Vorwürfe äußert, man hätte das doch wirklich besser oder anders lösen müssen, schließt sich der Teufelskreis: All das nährt den ohnehin schon geringen Selbstwert nur noch weiter und bestätigt die tiefe, schmerzhafte Überzeugung, irgendwie falsch zu sein.
Konzeptgeschichte und Entstehungstheorien der BPS
Ich habe mich dazu entschieden, die Konzeptgeschichte und die Theorien dazu, wie BPS eigentlich entsteht, hier miteinander abzuhandeln, da diese unauflöslich miteinander verknüpft sind. Jedes Verständnis der BPS beinhaltet auch ein damit verbundenes Entstehungsmodell.
Die Geschichte der Borderline-Diagnose ist im Grunde die Geschichte eines jahrzehntelangen Ringens um eine treffende Erklärung und eine funktionierende Behandlung. Ursprünglich wurde das Konzept entworfen, um Menschen zu erfassen, die weder in das damals gängige klassische Schema der Neurose noch in das der Psychose passten. Sie bewegten sich gewissermaßen in einer Art klinischem Niemandsland.
Schon 1890 sprach der Psychiater Irving C. Rosse von diesem medizinischen Grenzland („borderland“). Systematisch in den fachspezifischen Diskurs eingeführt wurde der Begriff jedoch 1938 durch den Psychoanalytiker Adolph Stern2. Stern beobachtete in seiner Praxis eine Gruppe von Patient:innen, bei denen die klassische psychoanalytische Methodik fehlschlug. Anstatt durch Deuten und freies Assoziieren zu genesen, reagierten sie auf die analytische Zurückhaltung mit schweren Krisen in der therapeutischen Beziehung, tiefer Verletzbarkeit und plötzlichen emotionalen Einbrüchen. Er beschrieb sie als ausgeprägt kränkbar und überempfindlich, mit tiefen Minderwertigkeitsgefühlen. Die Ursachen verortete er in frühen Bindungsverletzungen sowie einer wenig förderlichen emotionalen Begleitung durch die Eltern. Daraufhin forderte er erstmals eine aktivere, Halt gebende therapeutische Haltung, was bemerkenswert modern ist.
Auch andere namhafte Theoretiker:innen prägten dieses Bild. Helene Deutsch beschrieb bereits 1934 das Konzept der „Als-ob-Persönlichkeit“. Damit meinte sie Menschen, die nach außen hin perfekt angepasst und sozial erfolgreich funktionieren. Ihr Innenleben ist jedoch von einem tiefen Gefühl der Leere geprägt, weshalb echte Gefühle oft nur simuliert oder nachgeahmt werden.
Robert P. Knight kritisierte in den 1950er Jahren, dass die Bezeichnung „Borderline“ oft mehr über die Unsicherheit der Behandelnden aussage als über die Patient:innen. Er versuchte, das Bild genauer zu fassen, und beschrieb eine spezifische Schwäche des eigenen Ichs, bei der Betroffene in unstrukturierten Situationen rasch in kindlichere Erlebensmuster abgleiten. Donald W. Winnicott wiederum beschrieb das „Falsche Selbst“ als eine Art Abwehrkonstrukt und Schutzhülle gegen eine Umwelt, die sich nicht ausreichend einfühlen konnte.
Den theoretischen Höhepunkt erreichte diese psychoanalytische Ära ab 1967 durch Otto F. Kernberg3. Er ordnete psychische Beschwerden nach ihrem strukturellen Funktionsniveau und definierte die sogenannte Borderline-Persönlichkeitsorganisation (BPO). Für Kernberg war Borderline keine bloße Aneinanderreihung von Symptomen, sondern eine spezifische Persönlichkeitsstruktur, die durch frühe Hürden in der Ich-Entwicklung entstanden ist.
Wenn in der frühen Kindheit – etwa durch starke Frustrationen oder eine anlagebedingt erhöhte Aggressionsbereitschaft – übermäßig viel Wut und Angst entsteht, gelingt es laut Kernberg4 nicht, gegensätzliche Gefühlswelten miteinander zu verbinden. Das psychische System schützt sich dann durch frühe Abwehrmechanismen wie die „Spaltung“. Dabei schwankt die Wahrnehmung des Gegenübers sprunghaft zwischen Idealisierung und kompletter Entwertung. Das führt letztlich zu einer zersplitterten Identität, der sogenannten Identitätsdiffusion.
An genau dieser Stelle entsteht bis heute ein großes Missverständnis, das in der Praxis wie in den Medien für viel Verwirrung sorgt – und selten gut aufgeklärt wird: Der Begriff „Borderline“ bedeutet in der Psychoanalyse etwas anderes als in der allgemeinen Psychiatrie. Wenn Tiefenpsycholog:innen und Psychoanalytiker:innen von „Borderline“ sprechen, meinen sie meist Kernbergs strukturelles Niveau. Auf diesem Level können sich ganz unterschiedliche Persönlichkeitsbilder bewegen – von narzisstischen über schizoide bis hin zu antisozialen Zügen. Wenn hingegen im Alltag, in den Medien oder in den Diagnosemanualen von einer „Borderline-Störung“ gesprochen wird, ist damit ein recht enges Symptomprofil gemeint, wie es in dem modernen, weltweiten Klassifikationssystem ICD-11 beschrieben ist. Dieses ist etwa durch Impulsivität, schnelle Gefühlswechsel, Beziehungsbrüche und Selbstverletzung gekennzeichnet. Der Begriff bezeichnet also je nach theoretischer Brille entweder eine breite Struktur der Persönlichkeit oder ein ganz spezifisches Krankheitsbild. Weil diese begriffliche Doppelbelegung fast nie transparent gemacht wird, reden Therapeut:innen, Betroffene und Lai:innen im Alltag leider sehr oft aneinander vorbei.
In den 1970er Jahren geriet das tiefenpsychologisch geprägte Verständnis zunehmend in die Kritik der empirischen Psychiatrie. Man warf der Psychoanalyse vor, ihre Konzepte seien zu spekulativ und wissenschaftlich kaum überprüfbar. Das führte dazu, dass sich Diagnostiker:innen bei der Beurteilung von Patient:innen oft uneinig waren. Dies gipfelte 1980 in einer methodischen Kehrtwende durch das amerikanische Diagnosemanual DSM-III. Man brach komplett mit Ursachentheorien und führte einen rein beschreibenden Kriterienkatalog ein, der sich nur noch an den sichtbaren Symptomen orientierte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgte diesem Prinzip 1992 in der ICD-10, wählte jedoch den Begriff der „Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung“, welche in einen impulsiven Typus und einen Borderline-Typus unterteilt wurde.
Parallel zu dieser formalen Neuordnung entfalteten sich ab den 1990er Jahren modernere Erklärungsmodelle. Marsha M. Linehan formulierte 1993 ihr einflussreiches biosoziales Modell5. Sie verknüpfte eine angeborene neurobiologische Verletzlichkeit für hohe emotionale Reaktionen mit einem „invalidierenden Umfeld“ – einer Umgebung, in der die Gefühle des Kindes systematisch ignoriert, abgewertet oder bestraft werden. Dadurch kann das Kind keine funktionierende Steuerung der eigenen Gefühle erlernen.
Etwa zur selben Zeit entwickelten Peter Fonagy und Anthony Bateman ihr Mentalisierungsmodell, das den Fokus auf frühe Bindungstraumata legte. Wenn Bezugspersonen die emotionalen Zustände eines Kindes nicht angemessen spiegeln, entwickelt dieses keine verlässliche Fähigkeit zum „Mentalisieren“. Das ist die Kompetenz, eigene und fremde Beweggründe flexibel zu reflektieren – eine Fähigkeit, die bei Betroffenen unter Stress rasch zusammenbricht. Zudem begannen Forschende aufgrund der hohen Missbrauchs- und Vernachlässigungsraten in den Vorgeschichten der Patient:innen, Borderline verstärkt als Folge schwerer Traumatisierungen zu begreifen.
Diese klassischen Erklärungsmodelle waren für ihre Zeit bahnbrechende Errungenschaften. Sie befreiten das Krankheitsbild aus der moralischen Abwertung, nahmen den Betroffenen die Schuldfrage ab und beendeten das ungerechtfertigte Stigma, diese Menschen seien schlicht „therapieresistent“. Die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Therapieverfahren zeigte bald deutlich: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann sich bei entsprechender Behandlung sehr gut zurückbilden.
Aus heutiger Sicht greifen diese historischen Theorien für sich allein genommen jedoch zu kurz. Das verdanken wir den Fortschritten aus über 50 Jahren Traumaforschung und der modernen Hirnforschung. Weder der reine Blick auf die fehlende Gefühlsregulation noch der Fokus auf tiefenpsychologische Aspekte wie Spaltung oder Mentalisierung bilden das Phänomen in seiner ganzen Komplexität ab.
Modernes klinisches Denken begreift die BPS heute als Ergebnis einer starken biologischen Komponente, die zum Teil angeboren (rund 40 bis 50 % über verschiedene Gene transportierte Erblichkeit in verschiedenen Studien6, 7) und zum Teil durch äußere Belastungen erworben ist. Frühkindliche Bindungsverletzungen, anhaltender Stress oder Traumata wirken nämlich nicht nur psychisch. Sie greifen direkt in die körperliche Reifung des kindlichen Nervensystems ein und verändern das biologische Fundament der Reiz- und Informationsverarbeitung nachhaltig. Erst wenn eine derart veränderte Biologie mit ungünstigen Umweltfaktoren zusammenfällt, entsteht das Phänomen, das wir heute Borderline nennen.
In der Gegenwart schließt sich mit der Entwicklung der ICD-11 und dem damit verbundenen neuen Persönlichkeitsstörungskonzept ein historischer Kreis. Das reine Checklisten-System der Symptome, das um die Jahrtausendwende herum die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen dominierte, war in der Praxis oft an seine Grenzen gestoßen, weil sich Störungsbilder überschnitten. Das aktuelle Diagnosesystem der WHO (ICD-11), das seit 2022 gültig (jedoch noch nicht flächendeckend in den nationalen Gesundheitssystemen implementiert) ist, beurteilt Persönlichkeitsstörungen nun vielmehr „dimensional“. Es blickt auf den Schweregrad der Beeinträchtigung im eigenen Selbsterleben und in zwischenmenschlichen Beziehungen und ist damit viel besser geeignet, die diesbezüglichen Schwierigkeiten von Menschen abzubilden.
Indem die moderne Diagnostik heute die innere Identität und die Beziehungsfähigkeit in den Mittelpunkt stellt, misst sie im Grunde exakt jene strukturellen Phänomene, die Psychoanalytiker:innen wie Kernberg bereits 1967 treffend beschrieben hatten. Der alte Streit zwischen Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und biologischer Psychiatrie löst sich somit erfreulicherweise in einem gemeinsamen, neurobiologisch fundierten Gesamtverständnis auf.
Kriterien in der ICD-11: Die grundlegende Neuordnung der Persönlichkeitsdiagnostik
Die mit der ICD-11 einhergehenden revolutionären Veränderungen der Diagnostik der BPS sollen nachfolgend vorgestellt werden. Bisher fokussierte die Persönlichkeitsstörungsdiagnostik vor allem auf die Einteilung in bestimmte, nebeneinanderstehende spezifische Persönlichkeitsstörungen auf Basis von ausformulierten Checklisten, die sich jedoch in der Praxis nicht bewährten und ständig überschnitten.
Stattdessen basiert die Diagnostik in der ICD-11 nun auf einem sogenannten dimensionalen, dreistufigen Prozess. Dieser Ansatz soll das individuelle Erleben viel präziser abbilden. Im ersten Schritt wird geprüft, ob überhaupt eine allgemeine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Das ist dann der Fall, wenn das Erleben des eigenen Selbst sowie die Gestaltung sozialer Beziehungen durchgängig beeinträchtigt sind. Im zweiten Schritt wird der Schweregrad dieser Beeinträchtigung festgelegt – man unterscheidet hier zwischen leichten, mittelgradigen und schweren Ausprägungen.
Erst im dritten Schritt erfolgt eine genauere Beschreibung durch spezifische Persönlichkeitsmerkmale. Anstatt einer starren Diagnose entsteht so ein individuelles Profil. Es wird geschaut, ob besondere Neigungen bestehen, wie etwa zu intensiven, unangenehmen Emotionen, zu Distanziertheit, zu Impulsivität oder auch zu ausgeprägtem Perfektionismus.
In dieser tiefgreifenden Neuordnung gibt es jedoch eine für uns besonders relevante Ausnahme: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung hat als einzige der historischen Untergruppen überlebt. Sie wurde als eigenständiges Zusatzmerkmal – das sogenannte „Borderline-Muster“ – in die ICD-11 integriert. Dieses Muster kann zusätzlich zum Schweregrad und den persönlichen Eigenschaften vergeben werden, wenn das Erscheinungsbild den klassischen Kriterien entspricht.
Dass ausgerechnet dieses Muster als einzige namentlich genannte Störung in dem ansonsten merkmalbasierten System erhalten blieb, hat pragmatische und klinisch wichtige Gründe. Zum einen sollte der Praxis der Übergang in das neue Diagnosesystem erleichtert werden. Zum anderen gibt es für keine andere Persönlichkeitsstörung eine derart hohe Dichte an Forschung und gut belegten Therapieverfahren. Es wäre schlicht ungünstig gewesen, dieses über Jahrzehnte erarbeitete Bindeglied einfach aus den Handbüchern zu streichen. Betroffene hätten sonst Gefahr gelaufen, den Zugang zu genau jenen spezialisierten Behandlungen zu verlieren, die sich als äußerst hilfreich erwiesen haben8.
Für die Diagnose dieses Borderline-Musters orientiert sich das Handbuch an neun spezifischen Merkmalen, von denen nun… viele… zutreffen müssen (eine feste Mindestanzahl nennt die ICD-11 nicht – das lässt dem klinischen Urteil Raum)9:
- Angst vor dem Verlassenwerden: Ein verzweifeltes Bemühen, ein tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
- Instabile Beziehungen: Intensive zwischenmenschliche Beziehungen, die meist instabil verlaufen und von einem raschen Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung geprägt sind.
- Instabiles Selbstbild: Eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes.
- Gefühl der Leere: Ein chronisches Gefühl der Leere.
- Fehlende Impulskontrolle: Die Neigung, in Zuständen starker negativer Gefühle vorschnell zu handeln, was zu potenziell selbstschädigendem Verhalten führen kann (wie etwa beim Geldausgeben, in der Sexualität oder durch Substanzgebrauch).
- Unangemessene Wut: Häufig auftretende, schwer kontrollierbare Wut.
- Selbstgefährdung: Wiederkehrende Episoden von Selbstverletzung oder anderem selbstschädigendem Verhalten, einschließlich suizidaler Handlungen.
- Emotionale Instabilität: Eine deutliche emotionale Instabilität, bei der die Stimmung sehr stark auf äußere Reize reagiert.
- Stressbedingte Symptome: Vorübergehende dissoziative Symptome (ein Gefühl der Entfremdung oder Unwirklichkeit) oder psychoseähnliche Erscheinungen wie paranoide Gedanken, die bei starker emotionaler Anspannung auftreten können.
Während also auf den ersten Blick alles beim Alten geblieben ist, ist das nur scheinbar so. Indem die Überprüfung der spezifischen BPS-Symptome nunmehr den letzten Schritt der Persönlichkeitsstörungsdiagnostik darstellt, ist ihre Bedeutsamkeit für den Prozess reduziert. Der Schweregrad sagt etwa deutlich mehr über die Störung aus als die Menge der spezifisch vorliegenden Kriterien. Außerdem gibt es strenggenommen die Borderline-Persönlichkeitsstörung damit gar nicht mehr. Es werden nur noch Persönlichkeitsstörungen mit einem bestimmten Schweregrad mit einem Borderline-Muster als Zusatzcharakterisierung vergeben.
Diagnostik und häufige Schwierigkeiten in der Praxis
Die Diagnosestellung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gleicht im aktuellen Gesundheitssystem leider noch oft einem Hindernislauf. Oft vergehen zehn Jahre und mehr, in denen Betroffene im Versorgungssystem umherirren, bevor das Gesamtbild ihrer Symptomatik korrekt erkannt und benannt wird10, 11. In dieser Zeit sammeln viele Patient:innen ein unübersichtliches Sammelsurium an Einzeldiagnosen an – von der chronischen Depression über diverse Angststörungen bis hin zu bipolaren Störungen.
Wenn die korrekte Diagnose schließlich gestellt wird, erleben viele Betroffene dies keineswegs als Stigmatisierung, sondern als tiefgreifende Erleichterung. Eine fundierte und wertschätzend kommunizierte Diagnosestellung ist oftmals bereits eine wichtige therapeutische Intervention. Sie gibt dem inneren Chaos endlich einen Namen, liefert ein Erklärungsmodell für das eigene Leiden und öffnet vor allem die Tür zu passenden Behandlungsangeboten.
Dieser idealen Erfahrung steht mitunter eine ernüchternde Realität gegenüber. In der Praxis wird das Etikett „Borderline“ manchmal als eilige Blick- oder Bauchgefühldiagnose vergeben, besonders in Notaufnahmen oder bei Kriseninterventionen. Wenn ein Mensch in großer emotionaler Not vorstellig wird, greifen Behandler:innen unter Zeitdruck leider hin und wieder auf stereotype Schubladen zurück. Solche vorschnellen Zuschreibungen werden der Ernsthaftigkeit der Diagnostik nicht gerecht und verwehren den Betroffenen eine echte, tiefgehende Untersuchung ihres individuellen Leidens.
Wie ein solch fundiertes Vorgehen aussehen sollte, geben die medizinischen Leitlinien unmissverständlich vor. Der diagnostische Goldstandard verlangt zwingend eine umfassende biografische Anamnese in Kombination mit einem validierten klinischen Interview, das von geschulten Fachkräften durchgeführt wird1. Es reicht nicht aus, lediglich eine Checkliste von Symptomen abzuhaken. Vielmehr muss das innere Erleben systematisch, detailreich und über verschiedene Lebensbereiche hinweg erfasst werden.
Da die neue Diagnostik der ICD-11 noch recht jung ist und es dafür bisher nur grobe Screening-Fragebögen, aber noch keine verlässlichen Interviews gibt12, greift die Praxis derzeit oft auf bewährte Interviews zum alternativen DSM-5-Modell für Persönlichkeitsstörungen zurück (wie das amerikanische SCID-5-AMPD), die jedoch konzeptionell hervorragend mit der WHO-Systematik kompatibel sind. Sie erlauben es, tief in das strukturelle Funktionsniveau einzutauchen: Wie stabil ist die Identität der Person? Wie gut gelingt die Selbststeuerung? Wie differenziert können die Gefühle und Motive anderer Menschen erfasst werden? Nur eine derart präzise Diagnostik wird dem Erleben der Betroffenen wirklich gerecht.
Um die genannten diagnostischen Fallstricke zu umschiffen, ist eine sehr sorgfältige Abgrenzungsdiagnostik wichtig. Es geht also darum, systematisch zu prüfen, wo die Borderline-Symptomatik aufhört und wo andere Herausforderungen beginnen, die an der Oberfläche zwar ähnlich aussehen, aber andere Ursachen haben. Doch auch hier lauert ein weiteres Missverständnis, das wohl tief in unserem menschlichen Bedürfnis nach eindeutigen, simplen Antworten verwurzelt ist: der Glaube an das Entweder-Oder. In der klinischen Realität gibt es das isolierte, „reine“ Borderline-Syndrom fast nie. Das gleichzeitige Auftreten mehrerer Diagnosen – in der Fachsprache Komorbidität genannt – ist hier keine Ausnahme, sondern die absolute Regel13.
Für ein Nervensystem, das oft unter Hochspannung steht, chronischen Stress verarbeiten muss und dem mitunter die emotionale „Schutzhaut“ fehlt, ist es nur folgerichtig, dass es an mehreren Fronten gleichzeitig beschäftigt ist. Wer beispielsweise chronisch übererregt ist und selten zur Ruhe kommt, findet naturgemäß schwer in den Schlaf, weshalb Schlafstörungen oft ständige Begleiter sind.
Wer in der Kindheit keine funktionierenden Strategien erlernen durfte, um große emotionale Spannungen abzubauen, greift unbewusst auf Ersatzmechanismen zurück. Daher werden Borderline-Diagnosen auffällig oft von Essstörungen oder Suchterkrankungen begleitet. Beides sind letztlich dysfunktionale, in der akuten Not aber aus Sicht der Betroffenen funktionierende Versuche der „Selbstmedikation“, um die Kontrolle über schwer aushaltbare Gefühle zurückzugewinnen.
Häufig kommen auch wiederkehrende depressive Episoden, diverse Angststörungen (v. a. Panikstörung und soziale Angststörung) sowie dissoziative Zustände hinzu. Bei Letzteren verlässt das Gehirn in großen Stresssituationen gewissermaßen kurz den Raum: Betroffene verlieren zeitweise den Kontakt zu ihrem eigenen Körper, spüren kaum noch Schmerz oder erleben ihre Umwelt plötzlich als fremd und irreal.
Besonders eng verzahnt ist die BPS zudem mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), da ein beachtlicher Teil der Betroffenen auf biografische Bindungstraumata oder emotionale Vernachlässigung zurückblickt. Auch ADHS tritt deutlich häufiger gemeinsam mit einer BPS auf als in der Allgemeinbevölkerung14. Bei Autismus ist die Datenlage dünner15, die Abgrenzung aber wichtig, weil sich manche Merkmale ähneln. Es ist durchaus möglich – und in der Praxis häufig anzutreffen –, dass ein autistischer Mensch traumatisiert wird und zusätzlich eine Borderline-Struktur entwickelt.
Diagnostik darf daher niemals bedeuten, sich am Ende für eine einzige, alles erklärende Schublade entscheiden zu müssen. Eine moderne und fundierte Diagnosestellung erkennt an, dass sich ein belastetes und biologisch empfindsames Nervensystem vielfältig ausdrückt. Es bedarf Zeit und einer fachlich sauberen Herangehensweise, diese auch entsprechend zu erkunden.
Die Neuropsychologie: Ein Blick unter die Motorhaube
Nachdem wir uns nun die Herausforderungen in der Diagnostik angesehen haben, lohnt sich ein Blick auf die biologische Basis. Die moderne kognitive Neurowissenschaft diskutiert die Borderline-Persönlichkeitsstörung heute zunehmend im Zusammenhang mit messbaren Vorgängen im Gehirn. Ähnlich wie bei Diagnosen aus dem Autismus-Spektrum oder bei ADHS lassen sich auch bei der BPS im Gruppenvergleich Unterschiede in der Aktivität und Verschaltung bestimmter Hirnnetzwerke nachweisen. Diese Befunde zeigen, dass das Störungsbild auch eine neurobiologische Seite hat. Es lässt sich nicht allein auf isolierte psychologische Faktoren oder Traumafolgen reduzieren. Vielmehr spielt die grundlegende Architektur des zentralen Nervensystems eine entscheidende Rolle.
Ein Kernmerkmal der Erkrankung ist die Schwierigkeit, Gefühle zu regulieren. Das zeigt sich im Alltag durch eine niedrigere Reizschwelle, sehr intensive emotionale Reaktionen und eine längere Zeitspanne, um sich danach wieder zu beruhigen. Auf der Ebene des Gehirns entspricht das einem messbaren Ungleichgewicht zwischen bestimmten Arealen. Das sogenannte limbische System, allen voran die Amygdala (unser zentrales Gefühlszentrum), reagiert bei Betroffenen besonders empfindlich und stark auf unangenehme Reize16. Bildgebende Verfahren zeigen zudem Auffälligkeiten in genau diesen Bereichen, was es Betroffenen erschwert, Gefahren oder Emotionen stets angemessen zu bewerten.
Normalerweise wird eine so stark feuernde Amygdala durch beruhigende, hemmende Impulse aus dem Frontalhirn (dem präfrontalen Kortex) wieder eingefangen. Bei Menschen mit einer BPS greift diese natürliche „Bremse“ (Top-Down-Hemmung genannt) unter emotionaler Belastung jedoch weniger gut. Die entsprechenden Bereiche der Großhirnrinde zeigen unter Stress oftmals eine verminderte Aktivität. Die typische, im Alltag beobachtbare Impulsivität lässt sich zumindest teilweise mit diesem Ungleichgewicht zwischen den kontrollierenden und den emotionalen Gehirnarealen in Verbindung bringen.
Die aktuelle Forschung geht zudem über die Betrachtung einzelner Hirnareale hinaus und versteht Borderline zunehmend als Herausforderung im Zusammenspiel ganzer Gehirnnetzwerke. Ein gutes Erklärungsmodell dafür bietet das sogenannte Triple-Network-Modell. Es beschreibt drei große neuronale Schaltkreise, deren Rhythmus bei Betroffenen oftmals etwas aus dem Takt geraten ist.
Das erste ist das Netzwerk für die unbewusste Einschätzung von Umweltreizen (das Salienz-Netzwerk). Es fungiert wie eine Art inneres Radar, das ständig die Wichtigkeit von Informationen bewertet. Erste Studien deuten darauf hin, dass dieses Radar bei einer BPS überempfindlich eingestellt ist. Das kann dazu führen, dass das Gehirn völlig neutrale oder eigentlich unwichtige Reize fälschlicherweise als hochbedeutsam oder gar bedrohlich einstuft.
Das zweite System ist das sogenannte Ruhezustands-Netzwerk (Default Mode Network). Es ist immer dann aktiv, wenn wir nachdenken, entspannen oder uns gedanklich mit uns selbst beschäftigen. Auch in diesem Netzwerk finden sich bei Betroffenen veränderte Verbindungsmuster. Manche Forschende bringen das mit dem typischen, anhaltenden Grübeln und dem inneren Ringen um die eigene Identität in Verbindung; gesichert ist dieser Zusammenhang aber noch nicht.
Das dritte im Bunde ist das Ausführungs-Netzwerk (Central Executive Network). Es ist für unsere zielgerichtete Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis zuständig. Eigentlich sollten sich das Ruhezustands- und das Ausführungsnetzwerk fließend abwechseln. Bei Menschen mit BPS hakt dieser Wechsel jedoch mitunter. Wenn plötzliche emotionale Reize auftauchen, fällt es dem Gehirn schwer, diese rechtzeitig auszublenden, was sich dann in Konzentrationsschwierigkeiten oder Problemen bei der Merkfähigkeit zeigt.
Diese innere Daueranspannung beeinflusst natürlich auch maßgeblich, wie Betroffene ihre soziale Umwelt wahrnehmen. Früher nahm man fälschlicherweise oft an, Menschen mit Borderline fehle es an Empathie. Moderne psychologische Untersuchungen zeichnen hier jedoch ein völlig anderes, fast gegenteiliges Bild: Sie neigen oftmals zu einem sogenannten „Hypermentalisieren“. Das bedeutet, sie nehmen kleinste Veränderungen in Mimik oder Gestik sehr genau wahr und leiten daraus sofort komplexe Annahmen über die Absichten ihres Gegenübers ab. Die soziale Umgebung wird dabei quasi permanent auf mögliche Bedrohungen gescannt. Unter Stress führt diese hohe Feinfühligkeit dann zu einer typischen Verzerrung der Wahrnehmung, die in der Forschung als „Anger Bias“ (Wut-Verzerrung) bezeichnet wird. Mehrdeutige oder neutrale Gesichter werden dann häufiger fälschlicherweise als ablehnend oder verärgert gedeutet.
Messungen der Blickrichtung zeigen zudem, dass Betroffene bei verärgert wirkenden Gesichtern besonders schnell auf den Augenbereich blicken. Diese schnelle Blickbewegung geht mit einer stärkeren Aktivierung des Gefühlszentrums (der Amygdala) einher17. Man vermutet, dass das Gehirn so Alarm schlägt, noch bevor die logischen Areale die Situation ruhig bewerten können.
Eine besonders ausgeprägte Reaktion zeigt sich bei drohender Zurückweisung oder Trennung. Das ist eng mit der Biochemie unseres Bindungssystems verknüpft. Wir wissen heute aus bildgebenden Verfahren, dass das menschliche Gehirn soziale Ausgrenzung über ganz ähnliche Netzwerke verarbeitet wie echten körperlichen Schmerz.
Damit wir diesen „sozialen Schmerz“ aushalten können, schüttet unser Körper normalerweise körpereigene beruhigende und schmerzlindernde Stoffe aus (endogene Opioide). Bei Personen mit einer Borderline-Struktur wird jedoch ein gewisser Mangel an genau diesen dämpfenden Stoffen vermutet. Das könnte erklären, warum zwischenmenschliche Zurückweisungen mit einer deutlich höheren, oftmals kaum aushaltbaren Schmerzintensität erlebt werden und große Bindungsunsicherheit auslösen.
Ein weiterer interessanter Befund betrifft das Hormon Oxytocin, das normalerweise als „Kuschel- oder Vertrauenshormon“ bekannt ist und im Alltag prosoziales Verhalten fördert. Bei Menschen mit einer BPS sind die Befunde jedoch widersprüchlich: In einer Studie verringerte Oxytocin die Überempfindlichkeit für bedrohlich wirkende Gesichter17, in einer anderen senkte es dagegen Vertrauen und Kooperationsbereitschaft – vor allem bei Menschen mit großer Angst vor Zurückweisung18.
Der zweite Befund klingt erst einmal überraschend, lässt sich aber gut erklären: Oxytocin verstärkt vor allem die Aufmerksamkeit für soziale Signale. In einem Nervensystem, das aufgrund früherer schwieriger Bindungserfahrungen auf erhöhte Wachsamkeit programmiert ist, wirkt zusätzliche Nähe oder soziale Aufmerksamkeit eher wie ein Warnsignal. Das Gehirn schaltet dann vorsorglich auf Schutz und Abwehr.
Wenn die Gefühlsbelastung in zwischenmenschlichen Krisen zu groß wird, erleben viele Betroffene dissoziative Zustände. Das bedeutet, dass die Verbindung zur eigenen Person oder zur Umwelt für eine Weile abreißt. Ein gängiges Erklärungsmodell geht dabei von einer plötzlichen Gegenreaktion des Gehirns aus: Das Frontalhirn dämpft das emotionale System so stark, dass das Gefühlszentrum quasi lahmgelegt wird. Erste Bildgebungsstudien bei BPS stützen das, die Datenlage ist aber noch begrenzt. Das ist ein kluger Notfall-Schutzmechanismus des Körpers vor Reizüberflutung. Er führt jedoch zeitweise zu einem Zustand der inneren Taubheit, Erstarrung und Entfremdung.
In solchen Phasen der Dissoziation ist oft auch das Schmerzempfinden deutlich herabgesetzt. Das erklärt, warum selbstverletzendes Verhalten in solchen Notlagen kurzfristig schmerzfrei ablaufen kann. Aus neurobiologischer Sicht hat das Zufügen eines starken Reizes – etwa eines körperlichen Schmerzes – für das Gehirn oft eine regulierende Funktion: Studien mit Hirnscans zeigen, dass Schmerzreize die Aktivität im Gefühlszentrum (der Amygdala) dämpfen können19. Der körperliche Reiz wirkt hier wie ein harter Neustart für das Nervensystem, der die Entfremdung beendet und die innere Hochspannung abbaut.
Hinzu kommen Herausforderungen bei der Wahrnehmung eigener Körpersignale. Dem Gehirn fällt es manchmal schwer, alltägliche körperliche Veränderungen – wie einen schnelleren Herzschlag oder eine veränderte Atmung – richtig einzuordnen. Solche normalen Erregungssignale werden dann leicht fälschlicherweise als akuter Notfall interpretiert.
Auch das Kleinhirn rückt verstärkt in den Blickpunkt der Forschung, da es eine wichtige Rolle bei der feinen Abstimmung von Gedanken und Gefühlen spielt. Ist diese Feinabstimmung erschwert, fällt es schwerer, Gefühle passend zum Kontext zu dosieren.
Verstärkt werden diese Prozesse oft durch einen unruhigen Schlaf. Schlaflabormessungen zeigen bei Betroffenen häufiger nächtliche Aufwachphasen und Besonderheiten im Traumschlaf (REM-Schlaf). Da das Gehirn im Schlaf normalerweise emotionale Erlebnisse verarbeitet und einsortiert, kann ein gestörter Schlafrhythmus dazu beitragen, dass das Gefühlszentrum auch am nächsten Tag schnell wieder empfindlich reagiert.
Zusammenfassend zeigt die Gehirnforschung ein vielschichtiges Bild: Die Herausforderungen der BPS beruhen auf echten, messbaren Vorgängen im Nervensystem. Von der Abstimmung zwischen Denk- und Gefühlszentren über die Verarbeitung von Schmerz und Nähe bis hin zu Schlafmustern zeigt sich ein biologisches Fundament. Doch diese Beschaffenheit des Gehirns ist keineswegs starr oder in Stein gemeißelt.
Die Neuroimmunologie: Wenn der Körper mitreagiert
Lange Zeit ging die Fachwelt davon aus, dass sich psychische Herausforderungen vorrangig im Bereich der Gedanken, Gefühle und frühen Bindungserfahrungen abspielen. Die moderne Forschung zeichnet hier jedoch ein viel breiteres Bild und betrachtet die Borderline-Persönlichkeitsstörung zunehmend als ein Geschehen, das den gesamten Körper miteinbezieht. Einen besonders aufschlussreichen Baustein liefert dabei die Neuroimmunologie. Einige Fachleute vermuten in diesem Zusammenhang eine leichte, aber chronische Entzündungsneigung im Körper.
Anhaltender psychischer Stress aktiviert nämlich auch das Immunsystem. In ersten Studien fanden sich im Blut von Betroffenen erhöhte Werte bestimmter Entzündungsbotenstoffe (etwa IL-6 und TNF-α)20. Diese Botenstoffe können die Schutzhülle des Gehirns überwinden und dort die Verfügbarkeit von wichtigen Nervenbotenstoffen wie Serotonin und Dopamin spürbar drosseln.
Das zeigt sich beispielsweise anschaulich beim Baustein Tryptophan: Unter normalen Bedingungen nutzt der Körper diesen Eiweißbaustein, um das „Glückshormon“ Serotonin herzustellen. Zirkulieren jedoch vermehrt Entzündungsbotenstoffe, wird dieser Weg umgeleitet. Das Tryptophan wird der Serotoninproduktion entzogen und stattdessen in Stoffe umgewandelt, die auf das Gehirn eher reizend als beruhigend wirken. Man vermutet, dass das auch bei der BPS gedrückte Stimmung und innere Unruhe verstärken kann.
Wie kommt es nun zu dieser dauerhaften Alarmbereitschaft im Körper? Einen guten Erklärungsansatz liefert die sogenannte Epigenetik. Sie zeigt, wie belastende Erfahrungen in der frühen Kindheit die Aktivität unserer Gene langfristig beeinflussen können. Unser körperliches Stresssystem verliert dadurch leider einen Teil seiner natürlichen Fähigkeit, sich selbst wieder zu beruhigen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Vagusnerv, unser großer innerer Ruhenerv (mehr zu Stress und Erholung). Er wirkt im Körper eigentlich wie eine Art entzündungshemmende Bremse. Studien zeigen, dass der Vagusnerv bei Menschen mit BPS in Ruhe weniger aktiv ist21. Damit fällt vermutlich auch sein beruhigendes Signal an das Immunsystem schwächer aus.
Zusätzlich steht das Gehirn über die sogenannte Darm-Hirn-Achse in ständigem Austausch mit unserer Verdauung. Eine erste kleine Studie deutet darauf hin, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien (das Mikrobiom) bei Betroffenen mitunter aus dem Gleichgewicht geraten ist und wichtige Helfer-Bakterien fehlen können. Wenn die Darmschleimhaut durch anhaltenden Stress zudem etwas durchlässiger wird, können winzige Bestandteile in den Blutkreislauf gelangen und so Entzündungsreaktionen weiter anfeuern.
Diese Erkenntnisse klingen zunächst vielleicht beunruhigend, sie eröffnen aber erfreulicherweise ganz neue Perspektiven für die Behandlung. Sie zeigen sehr schön, wie eng psychische und körperliche Prozesse miteinander verwoben sind. Klassische, medikamentöse Entzündungshemmer einfach dauerhaft zu schlucken, ist dabei allerdings keine gute Lösung, da die Nebenwirkungen auf Dauer den Nutzen übersteigen würden.
Das verlässliche Fundament der Behandlung bleibt unbestritten die Psychotherapie – doch hier schließt sich ein faszinierender Kreis. Gut belegte Verfahren, wie beispielsweise die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT, siehe unten), wirken keineswegs nur auf der rein psychologischen Ebene. Erste Studien zeigen, dass sie auch auf biologischer Ebene Spuren hinterlassen. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Psychotherapie sogar helfen kann, bestimmte Genaktivitäten wieder günstig zu verändern.
Wenn Patient:innen beispielsweise lernen, eine sehr hohe innere Anspannung durch einen starken Kältereiz zu senken, aktivieren sie ganz gezielt einen Reflex des Vagusnervs. Der Herzschlag verlangsamt sich, und das gestresste Nervensystem kommt rasch herunter.
Ergänzend dazu lassen sich diese therapeutischen Schritte wunderbar durch bewusste Entscheidungen im Lebensstil unterstützen. Die Forschung zeigt hier beispielsweise gute Ansätze durch die Einnahme hochwertiger Omega-3-Fettsäuren. Sie gelten als entzündungshemmend und können Studien zufolge Stimmungsschwankungen und Impulsivität etwas abmildern22; die Datenbasis ist allerdings noch klein.
Ähnlich wohltuend wirkt regelmäßige Bewegung, wie etwa moderates Ausdauertraining: Tierstudien zeigen, dass arbeitende Muskeln wie kleine Filter wirken und bestimmte Stress-Stoffe entschärfen können, noch bevor diese das Gehirn erreichen. Abgerundet durch eine entzündungshemmende, an der mediterranen Küche orientierte Ernährung zur Stärkung der Darmbarriere gibt es also vielversprechende Möglichkeiten, das eigene Nervensystem unterstützend zu entlasten.
Typischer Verlauf und Aussichten für die Zukunft
Lange Zeit wurde die Borderline-Persönlichkeitsstörung in der Fachwelt recht pessimistisch als lebenslange und schwer behandelbare Erkrankung angesehen. Große Längsschnittstudien der vergangenen Jahrzehnte haben diese Annahme jedoch glücklicherweise widerlegt. Wir wissen heute: Die Diagnose ist keineswegs in Stein gemeißelt. Es zeigt sich eine erfreulich hohe Rate an deutlichen Besserungen. Gerade akute Krisen und impulsives Verhalten lassen mit zunehmendem Alter oft spürbar nach.
Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch, dass es in der Praxis eine gewisse Lücke gibt – und zwar zwischen dem Rückgang der offensichtlichen Symptome und dem Aufbau eines wirklich stabilen, erfüllenden Alltags. Wie der Weg für jeden einzelnen Menschen verläuft, hängt von einem komplexen Zusammenspiel ab: Von der körperlichen Empfindsamkeit, den biografischen Rucksäcken, weiteren Begleiterkrankungen und vor allem davon, welche schützenden Ressourcen im Alltag vorhanden sind.
Die wissenschaftliche Basis für diese Zuversicht liefern große Langzeitstudien, bei denen Patient:innen über viele Jahre hinweg begleitet wurden. Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass die Diagnosekriterien im Laufe der Zeit oft nicht mehr erfüllt werden. So berichtete eine der bekanntesten Langzeitstudien, dass bereits nach sechs Jahren knapp drei Viertel der Betroffenen die Kriterien für eine Borderline-Störung abgelegt hatten23. Nach zehn Jahren stieg diese Zahl sogar auf über 90 Prozent an24.
Einmal erreichte Verbesserungen bleiben dabei oftmals erfreulich stabil. Rückfälle in alte, schwerwiegende Krisenmuster sind nach einer längeren guten Phase eher selten – sogar seltener als beispielsweise bei wiederkehrenden Depressionen25.
Wenn wir uns die Entwicklung der Symptome genauer ansehen, zeigt sich ein recht differenziertes Bild. Vor allem jene Verhaltensweisen, die mit einer mangelnden Impulskontrolle zu tun haben, lassen sich gut verändern. Selbstverletzendes Verhalten, akute suizidale Krisen, unüberlegte Handlungen und stressbedingte paranoide Momente gehen im Verlauf der Jahre oft als Erstes spürbar zurück26. Das passt sehr gut zu den Erkenntnissen der Hirnforschung, die wir weiter oben betrachtet haben. Das Frontalhirn reift nach, das emotionale Zentrum beruhigt sich, und die natürliche Kontrollfunktion im Gehirn arbeitet im Laufe der Zeit immer zuverlässiger.
Etwas hartnäckiger halten sich dagegen oft die inneren, emotionalen Themen. Ein chronisches Gefühl der Leere, die tiefe Angst vor Zurückweisung, die Schwierigkeit, gut allein sein zu können, und eine hohe Empfindsamkeit begleiten viele Betroffene nicht selten bis in die Lebensmitte hinein. Diese unterschiedliche Entwicklung erklärt gut, warum viele Menschen im mittleren Alter die Kriterien für eine offizielle Diagnose zwar nicht mehr erfüllen, im Verborgenen aber weiterhin unter spürbaren inneren Spannungen leiden.
Diese Lücke zwischen dem messbaren Rückgang der äußeren Symptome und einer wirklichen Genesung im Alltag ist ein wichtiges Thema in der klinischen Forschung. Man spricht hier von der sogenannten „Remission-Recovery-Gap“. Fast alle Betroffenen unterschreiten irgendwann die Schwelle für eine psychiatrische Diagnose. Eine echte Erholung im Sinne eines rundum stabilen und erfüllenden Alltags (Recovery) gelingt jedoch leider nicht allen. Für diese funktionelle Genesung braucht es mehr als nur das Fehlen von akuten Krisen. Es geht um eine existenzsichernde Ausbildung oder Arbeit und um das Aufrechterhalten von tragfähigen, stärkenden Beziehungen.
In den großen Langzeitstudien erreichten nach zehn bis 16 Jahren etwa 21 bis 60 Prozent der Betroffenen dieses gute Niveau an Stabilität25, 27. Im Vergleich zu Kontrollgruppen mit anderen Herausforderungen der Persönlichkeit ist das ein eher niedriger Wert, was die besonderen Hürden der Borderline-Struktur noch einmal unterstreicht.
Ein Hauptgrund für dieses Auseinanderklaffen liegt oft in den Lebensläufen selbst. Die entscheidenden Jahre zwischen 18 und 25, in denen normalerweise Schulabschlüsse gemacht, Berufe gelernt und soziale Netzwerke geknüpft werden, fallen meist genau mit der Phase der größten inneren Instabilität zusammen. Wenn sich die Wogen dann im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt allmählich glätten, stehen viele Betroffene vor strukturellen Lücken im Lebenslauf, fehlenden Abschlüssen und einem ausgedünnten sozialen Umfeld. Das macht den beruflichen und gesellschaftlichen Wiedereinstieg natürlich spürbar schwerer.
Wie der langfristige Weg verläuft, ist dabei von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Es gibt bestimmte Faktoren, die eine Chronifizierung begünstigen können. Ein großer Stolperstein sind dabei Begleiterkrankungen durch Sucht. Psychotrope Substanzen wie Drogen oder Alkohol greifen direkt in die ohnehin schon empfindliche Impulskontrolle im Gehirn ein, senken die Hemmschwelle für unbedachte Handlungen und verzögern nachweislich die Besserung28.
Eine weitere Herausforderung ist das gleichzeitige Vorliegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die in klinischen Stichproben bei über der Hälfte der Betroffenen im Laufe des Lebens auftritt13. Wenn sich unverarbeitete Erinnerungen aufdrängen und der Körper ständig in Alarmbereitschaft ist, befeuert das die emotionale Achterbahnfahrt immer wieder aufs Neue. Bleibt ein solches Trauma unbehandelt, kann das dazu führen, dass sich Rückzug und Entfremdung weiter verfestigen.
Diesen Hürden stehen jedoch glücklicherweise wirksame Schutzfaktoren gegenüber, die den Weg in einen stabilen Alltag deutlich erleichtern. Zwischenmenschlich erweist sich das Finden und Pflegen mindestens einer verlässlichen, unterstützenden Beziehung oder Partnerschaft als echtes Fundament. Solch eine stabile Bindung hilft dabei, Krisen abzufedern und die Wahrscheinlichkeit depressiver Phasen zu senken.
Auf der inneren Ebene spielt das sogenannte Mentalisieren eine Schlüsselrolle. Das meint die Fähigkeit, das eigene Verhalten und das Handeln anderer durch dahinterliegende Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken besser zu verstehen. Eng damit verbunden ist das „epistemische Vertrauen“ – also die grundlegende Bereitschaft, Ratschläge und Unterstützung von Mitmenschen als glaubwürdig und hilfreich anzunehmen. Dieses Vertrauen kann davor schützen, gute Beziehungen aus Vorsicht wieder abzubrechen oder vorschnell zu beenden.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Einbindung in Arbeit, Ausbildung oder ein Ehrenamt. Eine feste Struktur gibt dem Tag Halt, stärkt den Selbstwert jenseits der Rolle als Patient:in und lenkt den Blick weg von kreisenden Gedanken. Eine berufliche oder gesellschaftliche Teilhabe ist daher keine spätere Belohnung nach einer vollständigen Besserung, sondern ein zentraler Schritt auf dem Weg dorthin.
Auch das Alter bei der ersten Diagnosestellung spielt eine Rolle. Je früher das Muster erkannt wird, desto besser lässt sich gegensteuern. Frühe Unterstützungsangebote können die Anpassungsfähigkeit des jungen Gehirns nützen, um schwierigen Entwicklungen wie Schulabbrüchen oder Suchterkrankungen zuvorzukommen.
Interessanterweise teilen die wirksamen Therapieformen eine Reihe gemeinsamer Merkmale, die nach Ansicht vieler Fachleute mindestens so wichtig sind wie die Detailtechniken der einzelnen Therapieschulen, etwa ein klares Störungsmodell, verlässliche Vereinbarungen für Notfälle, ein gut strukturierter Rahmen und eine wertschätzende, stützende Haltung der Therapeut:innen.
Trotz dieser insgesamt guten Aussichten gibt es ein ernstes Thema, das nicht verschwiegen werden darf: die erhöhte Sterblichkeit bei BPS. Statistisch gesehen haben Betroffene eine spürbar verkürzte Lebenserwartung. Suizidale Krisen gehören zum Erscheinungsbild, und die Rate an vollendeten Suiziden liegt im Laufe des Lebens bei etwa 3 bis 10 Prozent; in einer 24-jährigen Verlaufsstudie waren es knapp 6 Prozent29. Dabei zeigt sich eine altersabhängige Entwicklung: Während impulsiveres selbstverletzendes Verhalten im jungen Erwachsenenalter gipfelt, treten vollendete Suizide eher im vierten Lebensjahrzehnt auf – vermutlich auch als Folge von jahrzehntelanger Erschöpfung, Einsamkeit und Brüchen im Lebenslauf.
Gleichzeitig sterben sogar mehr Betroffene vorzeitig an anderen Ursachen als an Suizid – in einer 24-jährigen Verlaufsstudie mehr als doppelt so viele29. Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen bei Betroffenen häufiger vor. Das hat viele Ursachen: der jahrelange körperliche Stress, ungesündere Bewältigungsmuster wie Rauchen oder Substanzkonsum und möglicherweise auch die Belastung durch viele gleichzeitig verordnete Medikamente.
Psychotherapeutische Behandlungsempfehlungen
Die Psychotherapie gilt in allen internationalen und nationalen Fachleitlinien als die unangefochtene Hauptbehandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung1. Während eine medikamentöse Behandlung wissenschaftlich nicht als Ursachentherapie taugt und primär für kurzfristige Krisen reserviert ist, stellt eine gut strukturierte Psychotherapie den wirksamsten Weg dar.
In Österreich basiert die psychotherapeutische Versorgung vornehmlich auf zwei gesetzlich geregelten Grundberufen: der Ausbildung zum:zur Klinischen Psycholog:in sowie zum:zur Psychotherapeut:in. Spezifische Methoden für BPS stellen jeweils Vertiefungen dar, die auf diesen Berufen aufbauen. Grundsätzlich lassen sich diese Ansätze in zwei große Therapiefamilien unterteilen: die kognitive Verhaltenstherapie (DBT und SFT) und die psychodynamischen Richtungen (MBT und TFP).
Ein wichtiger Grundsatz moderner Leitlinien betrifft den Rahmen der Versorgung: Lange, unstrukturierte Klinikaufenthalte ohne spezifisches Programm sollten vermieden werden, da sie eher zu Rückschritten und Abhängigkeiten vom Krankenhausbetrieb führen können. Stationäre Aufenthalte werden heute im Idealfall kurz gehalten, um akute Krisen abzufangen, und zeitnah an eine verlässliche ambulante Weiterbehandlung gekoppelt.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Die von Marsha M. Linehan entwickelte Dialektisch-Behaviorale Therapie ist das wissenschaftlich am intensivsten untersuchte Spezialverfahren für das Borderline-Muster30. Ihr verhaltenstherapeutisches Fundament bildet das sogenannte biosoziale Modell: Eine primäre biologische Empfindsamkeit trifft auf ein soziales Umfeld, das die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes fortlaufend abwertet, ignoriert oder nicht versteht. Das Erleben der Betroffenen schwankt dadurch im Alltag oft zwischen emotionaler Überforderung und dem Versuch, Gefühle komplett zu vermeiden.
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, ruht das ursprüngliche DBT-Konzept auf vier Säulen: der wöchentlichen Einzeltherapie für persönliche Anliegen, einem wöchentlichen Gruppentraining für konkrete Fähigkeiten (dem Skillstraining), einem Telefoncoaching für akute Notfälle im Alltag sowie einer Supervisionsgruppe für das Behandlungsteam selbst.
In der Praxis – gerade im österreichischen Gesundheitssystem – zeigt sich bezüglich dieser vier Säulen jedoch eine spürbare Versorgungslücke. Während manchmal spezialisierte Kliniken das DBT-Konzept im stationären Rahmen anbieten, ist das vollständige vier-säulige Modell im ambulanten Bereich nur schwer flächendeckend umzusetzen und wird auch von den Krankenkassen nicht übernommen.
Besonders deutlich wird diese Lücke beim sogenannten Skillstraining. Das Wort „Skill“ bedeutet schlicht „Fähigkeit“. Die eigentliche Innovation dieser Methode liegt in der Vermittlung: Wichtige Lebenskompetenzen werden verständlich aufbereitet und schrittweise eingeübt. Das umfassende Originalprogramm sieht dafür ein intensives Gruppentraining von rund zweieinhalb Stunden wöchentlich über 24 Wochen vor, das üblicherweise einmal wiederholt wird – insgesamt also rund ein Jahr mit 48 Gruppensitzungen31. Diese Wiederholung ist therapeutisch sehr sinnvoll, da Betroffene unter Stress Zeit und Übung brauchen, um das Erlernte verlässlich abzurufen.
Die Versorgungsrealität in Österreich zeichnet jedoch ein anderes Bild. Die Vermittlung von Kernelementen der Psychotherapie – darunter Achtsamkeit, Emotionsregulation, kognitive Umstrukturierung und soziale Kompetenzen – wird im klinischen Alltag nicht selten an Personal ausgelagert, das gesetzlich weder zur Psychotherapie bzw. klinisch-psychologischen Behandlung befugt noch dafür ausreichend qualifiziert ist. Darüber hinaus wird der Umfang oft auf wenige Einheiten (häufig nicht mehr als zehn Wochen) zusammengestrichen. Zudem kommt es dabei gelegentlich zu einem Missverständnis: Der Begriff der „Skills“ wird dann fälschlicherweise auf reine Notfallreize reduziert, wie das Schnippen von Gummibändern am Handgelenk oder das Kauen von scharfen Chili-Bonbons. Solche Reize sind im ursprünglichen Modell jedoch nur als kurzfristige Notfallbrücke gedacht, um extrem hohe Spannungsspitzen abzufangen. Sie dienen lediglich dazu, den Kopf wieder so weit frei zu bekommen, dass die eigentlichen Kernkompetenzen – wie Problemlösung, Gefühlsregulation und zwischenmenschliches Miteinander – überhaupt erst angewendet werden können. Werden Skills nur auf Schmerzreize reduziert, führt das bei Betroffenen oft zur Enttäuschung, weil tieferliegende emotionale Themen dadurch naturgemäß ungelöst bleiben.
Durch diese verkürzte Vermittlung werden viele Patient:innen ungewollt gegen das Skillstraining „immunisiert“. Sie durchlaufen ein reduziertes Programm, stellen fest, dass Igelbälle ihre tiefgreifenden emotionalen Konflikte nicht lösen, und haken eine der wertvollsten didaktischen Innovationen der modernen Psychotherapie enttäuscht als wirkungslos ab – ein gravierendes Versagen der Versorgungsstrukturen an einer hochwirksamen Methode.
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)
Ein weiteres etabliertes Verfahren aus der psychodynamischen Richtung ist die Mentalisierungsbasierte Therapie von Anthony W. Bateman und Peter Fonagy. Sie verbindet psychoanalytische Ansätze mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie.
Unter „Mentalisieren“ versteht man die Fähigkeit, das eigene Verhalten sowie das Handeln anderer Menschen durch dahinterliegende seelische Zustände – wie Gefühle, Bedürfnisse, Gedanken und Motive – einzuordnen und zu verstehen. Diese Kompetenz ist nicht einfach da, sondern reift in den ersten Lebensjahren durch feinfühlige Rückmeldungen der Bezugspersonen heran. Fehlen solche prägenden Erfahrungen, bleibt das Mentalisieren anfällig für Störungen.
Unter großem Stress bricht diese Fähigkeit bei Betroffenen leicht zusammen. An ihre Stelle treten dann ältere Erlebensweisen:
- Im sogenannten psychischen Äquivalenzmodus wird das eigene Gefühl direkt mit der äußeren Realität gleichgesetzt. Ein gefühltes Bedrohungsszenario wird als unumstößliche Tatsache erlebt; andere Blickwinkel sind vorübergehend versperrt.
- Im Als-Ob-Modus sprechen Betroffene zwar scheinbar differenziert über Gefühle, die Schilderungen wirken jedoch rationalisiert und von der tatsächlichen emotionalen Innenwelt abgekoppelt.
- Im teleologischen Modus zählen Absichten und Zuneigung nur dann, wenn sie durch handfeste, sichtbare Taten bewiesen werden. Selbstverletzung dient in solchen Momenten manchmal dazu, seelischen Schmerz in ein greifbares Signal zu übersetzen.
Zudem beschreibt die MBT ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber neuen sozialen Informationen. Aus Angst vor Enttäuschung fällt es Betroffenen oft schwer, Unterstützung rasch als hilfreich anzunehmen.
Das Vorgehen der MBT unterscheidet sich von klassischen psychodynamischen Ansätzen. Therapeut:innen verzichten weitgehend auf das Deuten unbewusster Konflikte. Stattdessen nehmen sie eine Haltung der echten Neugier und des „Nicht-Wissens“ ein. Die Arbeit verbleibt im Hier und Jetzt. Bricht die Verstehensfähigkeit im Gespräch ab, greift das Prinzip des „Stop-and-Rewind“: Das Gespräch wird kurz angehalten und an den Moment zurückgeführt, an dem der emotionale Faden riss, um den Ablauf gemeinsam in Ruhe zu entschlüsseln.
Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP)
Die von Otto F. Kernberg und seinen Mitarbeiter:innen entwickelte Übertragungsfokussierte Psychotherapie basiert auf der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie. Als Kern der BPS sieht die TFP eine noch unintegrierte Persönlichkeitsorganisation. Diese ist durch ein widersprüchliches Selbst- und Fremdbild sowie durch frühe Abwehrmechanismen geprägt. Der zentrale Mechanismus ist hierbei die Spaltung. Weil es der Psyche schwerfällt, positive und negative Beziehungserfahrungen gleichzeitig auszuhalten, trennt sie das Erleben oft in zwei starre Welten: eine idealisierte Seite und eine entwertete Seite. Diese Muster werden in zwischenmenschlichen Begegnungen immer wieder reaktiviert.
Die TFP findet meist als ambulante Einzeltherapie statt. Das Fundament bildet ein klarer Behandlungsvertrag, der vor Beginn der eigentlichen Therapie vereinbart wird. Darin werden verbindliche Absprachen für Krisen oder therapiegefährdendes Verhalten getroffen, was beiden Seiten Orientierung und Sicherheit gibt.
Innerhalb dieses Rahmens nutzen Therapeut:innen das Beziehungsgeschehen im Raum als Spiegel für den Alltag der Betroffenen. Die Arbeit folgt meist drei Schritten: Zunächst beschreiben die Betroffenen ihre Wahrnehmung. Dann werden Diskrepanzen oder Widersprüche wertfrei aufgezeigt. Schließlich wird gemeinsam reflektiert, welche Muster dahinterstecken. Studien zeigen, dass dieser Ansatz Symptome lindern kann. Eine randomisierte Studie fand zudem, dass unter TFP die Fähigkeit wuchs, sich selbst und andere zu verstehen32.
Schematherapie (SFT)
Die von Jeffrey E. Young entwickelte Schematherapie verbindet Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie mit erlebnisorientierten Methoden und Erkenntnissen der Bindungsforschung. Das Modell geht davon aus, dass emotionale Schwierigkeiten entstehen, wenn grundlegende seelische Bedürfnisse in der Kindheit – etwa nach Sicherheit, Akzeptanz, Autonomie und realistischen Grenzen – dauerhaft unzureichend erfüllt wurden.
Im Alltag arbeitet die Schematherapie vor allem mit sogenannten Schemamodi – also aktuellen mentalen Zuständen, die das Erleben im jeweiligen Moment steuern:
- Die Kindmodi verkörpern den Ursprung des seelischen Schmerzes (etwa als verlassenes, ängstliches oder wütendes Kind).
- Die inneren Kritiker repräsentieren verinnerlichte Stimmen kritischer oder entwertender Bezugspersonen, die mit Selbstkritik quälen.
- Die Bewältigungsmodi stellen gelernte Schutzstrategien dar – wie etwa der „distanzierte Beschützer“, der Emotionen abspaltet oder auf Rückzug schaltet, um das verletzte innere Kind vor Schmerz zu schützen.
- Der Gesunde Erwachsene bildet die innere Leitinstanz, die im Laufe der Therapie aufgebaut wird, um das innere Kind liebevoll zu versorgen und abwertende Stimmen zu begrenzen.
Die Methoden der Schematherapie sind sehr anschaulich und erlebnisorientiert. Über die sogenannte begrenzte Nachbemutterung (Limited Reparenting) nehmen Therapeut:innen aktiv eine fürsorgliche und verlässliche Rolle ein, um unerfüllte Bedürfnisse im professionellen Rahmen nachzunähren. Beim Imaginations-Rescripting werden belastende Kindheitserinnerungen im Geist aufgerufen und gedanklich umgeschrieben, indem Behandler:innen schützend eingreifen. Bei der Stuhlarbeit werden verschiedene innere Anteile auf physische Stühle verteilt, um Konflikte greifbar zu machen.
Trotz unterschiedlicher theoretischer Wurzeln teilen alle wirksamen Verfahren zentrale Erfolgsfaktoren:
- Ein nachvollziehbares Störungsmodell, das dem inneren Erleben Sinn verleiht.
- Einen klaren Behandlungsvertrag (Contracting) für Notfall- und Krisensituationen.
- Die Ausrichtung auf das konkrete emotionale Geschehen im Hier und Jetzt.
- Eine aktive, strukturierende und zugewandte Haltung der Therapeut:innen.
- Die Einbindung der Behandler:innen in Supervisionsteams, um Überlastung und emotionale Verstrickungen zu verhindern.
Eine der größten Hürden in der psychotherapeutischen Versorgung bleibt das Risiko vorzeitiger Behandlungsabbrüche. Systematische Übersichten beziffern die durchschnittliche Abbruchquote bei der BPS auf etwa 25 bis 29 Prozent33. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen den Verfahren: Eine große Metaanalyse fand bei der Schematherapie insgesamt die geringsten Abbruchraten34. In einem direkten Vergleich über drei Jahre brachen rund 27 % der Patient:innen die Schematherapie ab, aber rund 52 % die TFP35. Eine mögliche Erklärung ist die stark beziehungsfördernde Haltung der Schematherapie in der Anfangsphase. Als Risikofaktoren für einen Abbruch gelten vor allem eine schwache therapeutische Beziehung, geringe Veränderungsbereitschaft und hohe Impulsivität33.
Die wissenschaftliche Evidenz belegt also zusammenfassend, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine gut behandelbare Erkrankung ist, sofern Betroffene Zugang zu strukturierter und qualifizierter Psychotherapie erhalten. Während Ansätze wie die DBT und die MBT ihre Stärken vor allem in der raschen Eindämmung akuter Krisen und Selbstverletzungen entfalten, zielen SFT und TFP stärker auf eine tiefgreifende Reorganisation der Persönlichkeitsstruktur und die langfristige Steigerung der Lebensqualität ab.
Die medikamentöse Behandlung und das Problem der Überverschreibung
Bei der medikamentösen Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung stehen wir im heutigen Gesundheitssystem vor einem ziemlichen Paradoxon. Wissenschaftliche Fachleitlinien weltweit sind sich einig: Die strukturierte Psychotherapie ist das Mittel der Wahl. Es gibt nämlich kein einziges Psychopharmakon, das von den Regulierungsbehörden spezifisch für die Behandlung der BPS zugelassen ist36. Jede medikamentöse Verordnung in diesem Bereich erfolgt somit im sogenannten „Off-Label-Gebrauch“.
Trotz dieser eigentlich recht klaren Ausgangslage sieht der Alltag anders aus: Bis zu 96 Prozent der Betroffenen in Behandlung erhalten in der Praxis mindestens ein psychisch wirksames Medikament37. Häufig kommt es zur sogenannten Polypharmazie: Eine große Auswertung nationaler Daten aus Neuseeland zeigte, dass mehr als die Hälfte der medikamentös Behandelten innerhalb eines Jahres drei oder mehr Psychopharmaka verschrieben bekam, rund 10 % sogar sieben oder mehr38.
Wie kommt es zu dieser Lücke zwischen Wissenschaft und Versorgungsrealität? Dahinter steckt oft ein verständliches Zusammenspiel aus menschlichen Reaktionen und strukturellen Hürden. Auf der zwischenmenschlichen Ebene lösen krisenhafte Affektstürme und große Verzweiflung bei Behandler:innen verständlicherweise einen spürbaren Handlungsdruck aus. Wenn das Fachpersonal mit Hilflosigkeit konfrontiert ist, entsteht schnell der Impuls, zumindest irgendetwas tun zu müssen. Das mündet oft in ein „reaktives Verschreiben“. Das Rezept dient in diesem Moment nicht selten auch als Entlastung für die Behandler:innen selbst, um die gefühlte Machtlosigkeit durch ärztliches Handeln zu überbrücken.
Leider wird diese begrenzte Wirksamkeit der Medikamente auf die Kernbeschwerden der Diagnose den Patient:innen selten offen kommuniziert. Oft werden Medikamente stattdessen als unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung präsentiert. Das trifft wiederum auf die verständliche Hoffnung vieler Betroffener, quälende Gefühle durch eine Pille von außen einfach abschalten zu können. Diese medikamentöse Dämpfung bedient mitunter den unbewussten Wunsch, sich den eigentlichen emotionalen Herausforderungen nicht stellen zu müssen – obwohl gerade das Einüben neuer Bewältigungsstrategien so wichtig wäre.
Hinzu kommen Hürden im Gesundheitssystem. Der Mangel an spezialisierten, zeitnahen und ausfinanzierten Therapieplätzen zwingt die ambulante Versorgung oft dazu, Betroffene monatelang mit Medikamenten zu überbrücken. Auch kurze, ressourcenknappe Aufenthalte auf psychiatrischen Stationen begünstigen den Einsatz dämpfender Substanzen zur schnellen Entlastung. Fehlen dann tragfähige Netzwerke, wird die im Krankenhaus angesetzte Krisenmedikation im Alltag oft unreflektiert weitergeführt.
Ein Blick auf die verschiedenen Wirkstoffgruppen ist dabei aufschlussreich. Beliebte Antidepressiva (wie etwa SSRI) zeigen in den bisherigen Studien für die spezifischen Borderline-Symptome keine gesicherte Wirkung, die über einen Placeboeffekt hinausgeht39. Sie verändern weder die grundlegende emotionale Instabilität noch das chronische Leeregefühl. Sinnvoll sind sie eigentlich nur dann, wenn abgrenzbare Begleiterkrankungen wie ausgeprägte Depressionen vorliegen.
Sogenannte atypische Antipsychotika (etwa das oft verwendete Quetiapin) können innere Spannungen und impulsive Reaktionen zwar manchmal kurzfristig dämpfen. Ein langfristiger Einsatz ist jedoch an spürbare Risiken wie eine mögliche Gewichtszunahme oder Stoffwechselveränderungen geknüpft. Ähnlich ernüchternd sehen die Daten für Stimmungsstabilisierer aus. Bei Präparaten wie Lamotrigin, die jahrelang zuversichtlich empfohlen wurden, belegte eine große Studie deutlich, dass sie keinen nachweisbaren Nutzen für die Symptomatik haben40.
Besondere Vorsicht ist bei Beruhigungsmitteln wie Benzodiazepinen geboten, die dennoch sehr häufig verschrieben werden. Sie bergen nicht nur das Risiko einer raschen Gewöhnung. Mittelfristig können sie paradoxerweise sogar zu mehr innerer Unruhe und Rebound-Ängsten führen. Zudem dämpfen sie das zentrale Nervensystem und erschweren die eigentlich so wichtige logische Kontrolle über emotionale Impulse, was unbedachte Handlungen begünstigen kann.
Auf psychologischer Ebene führt eine solche dauerhafte Mehrfachmedikation oft zu einer gewissen emotionalen Abstumpfung. Und genau das blockiert letztlich die Psychotherapie. Therapeutische Verfahren bauen schließlich darauf auf, dass Betroffene lernen, aversive innere Spannungen achtsam wahrzunehmen und aktiv zu regulieren. Werden diese Gefühle stets medikamentös weggedrückt, wird das Erlernen echter emotionaler Selbstwirksamkeit merklich erschwert.
Ein vielversprechender Gegenentwurf dazu ist das Konzept des kollaborativen Absetzens (Collaborative Deprescribing). Hierbei wird die schrittweise Reduktion von Medikamenten als eigener, wichtiger Therapieschritt verstanden, der auf Augenhöhe besprochen wird. Um mögliche Absetzsymptome nicht mit Borderline-Symptomen zu verwechseln, wird stets behutsam und Substanz für Substanz vorgegangen. Parallel dazu werden im Alltag nützliche Bewältigungsstrategien aufgebaut – ein Prinzip, das in der Fachwelt treffend „Skills for Pills“ (sinngemäß: Fertigkeiten statt Tabletten) genannt wird41.
Für Betroffene bedeutet dieser Weg eine gute Portion aktiver Selbstermächtigung. Gemeinsam erarbeitete Krisenpläne, die in ruhigen Phasen verfasst werden, sind dabei ein stützendes Hilfsmittel. Darin lässt sich festhalten, welche Notfallmedikamente man im Krisenfall bewusst ablehnt und welche eigenen Techniken zur Spannungsreduktion stattdessen Vorrang haben. Auch Symptom-Tagebücher helfen dabei, in ärztlichen Gesprächen als mündige:r Akteur:in aufzutreten und dem Vertrauen in die eigene Emotionsregulation Schritt für Schritt wieder mehr Raum zu geben.
Vorurteile und gesellschaftliche Hürden
Wer mit einer Borderline-Diagnose durchs Leben geht, begegnet oft Vorurteilen, die sich mitunter zäher halten als die Symptome der Diagnose selbst. In der Fachwelt spricht man bei dieser systematischen Benachteiligung aufgrund einer psychiatrischen Diagnose auch von „Sanismus“. Es ist eine Form der Abwertung, die paradoxerweise oft genau dort beginnt, wo eigentlich Hilfe stattfinden sollte: im Gesundheitssystem und im nahen sozialen Umfeld.
Häufig liegt das an einem schlichten Unwissen über die komplexe Natur der Erkrankung. Zu Beginn einer Behandlung oder direkt nach einer Diagnosestellung reagieren das Umfeld oder auch medizinisches Personal nicht selten mit einem Überengagement. Es besteht der verständliche menschliche Wunsch, rasch zu helfen und das Problem am besten sofort aus der Welt zu schaffen. Bleibt der Leidensdruck der betroffenen Person jedoch bestehen, kippt diese Dynamik oftmals. Das anfängliche Bemühen wandelt sich bei den Helfenden in Überforderung und schließlich in emotionale Distanzierung.
Die Patient:innen werden dann rasch mit Etiketten wie „schwierig“, „manipulativ“ oder „therapieresistent“ versehen. Solche Zuschreibungen sind jedoch selten eine objektive Beschreibung der Person. Sie spiegeln meist eher die Hilflosigkeit und Frustration des Gegenübers wider. Diese Vorverurteilung bleibt im klinischen Alltag leider nicht ohne Folgen und mündet oft im sogenannten „Diagnostic Overshadowing“. Reale körperliche Beschwerden werden dabei vorschnell psychologisiert, was eine angemessene medizinische Versorgung gefährden kann.
Befeuert wird dieses Klima des Misstrauens durch die mediale und popkulturelle Darstellung. Während andere psychische Herausforderungen wie Depressionen zunehmend entstigmatisiert werden, greifen Filme und Boulevardmedien bei der Borderline-Thematik weiterhin gerne in die Klischeekiste. Die Diagnose wird dort bevorzugt als Chiffre für berechnendes oder (leicht widersprüchlich) unberechenbares Verhalten genutzt.
Ein prägnantes Beispiel für diese Dynamik war der medial viel beachtete Verleumdungsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard. Als die Diagnose im Rahmen des Prozesses ins Spiel gebracht wurde, entwickelte sich rasch ein Diskurs, in dem Borderline pauschal mit Lügenhaftigkeit gleichgesetzt wurde. Die tatsächliche Lebensrealität der Betroffenen – ein kräftezehrender Alltag mit quälenden Spannungszuständen, Leeregefühlen und einer hohen Verletzlichkeit – geht in solchen zugespitzten Schablonen völlig verloren.
Diese verzerrten Bilder reichen oft bis tief in das private und familiäre Leben hinein. Ein besonders hartnäckiges Vorurteil betrifft etwa die angebliche Beziehungs- oder Erziehungsunfähigkeit. In familiengerichtlichen Auseinandersetzungen, beispielsweise beim Sorgerecht, wird die Diagnose bisweilen instrumentalisiert, um die elterliche Eignung pauschal in Zweifel zu ziehen. Aus rechtlicher wie psychologischer Sicht greift dieser Automatismus jedoch zu kurz. Sachverständige sind dazu angehalten, das tatsächliche Verhalten im Alltag und das konkrete Kindeswohl zu beurteilen und nicht allein das Vorhandensein einer psychiatrischen Diagnose. Werden passende Rahmenbedingungen geschaffen und verlässliche Unterstützungssysteme genutzt, sind Menschen mit einem Borderline-Muster sehr wohl in der Lage, tragfähige Beziehungen zu führen und Kinder fürsorglich aufzuziehen.
Die dauerhafte gesellschaftliche Skepsis führt jedoch zu einer besonders schmerzhaften Folge: der Selbststigmatisierung. Wenn Betroffene die abwertenden Urteile über Jahre hinweg verinnerlichen, glauben sie irgendwann selbst, „unheilbar“, „toxisch“ oder eine unzumutbare Belastung für andere zu sein. In der Forschung wird das als „Why-Try“-Effekt bezeichnet. Aus Angst vor der sicher geglaubten Zurückweisung versuchen viele gar nicht erst, neue Kontakte zu knüpfen oder berufsbezogene Schritte zu wagen. Sie ziehen sich zurück und nehmen die befürchtete Ausgrenzung vorweg, was das Risiko für Krisen und Vereinsamung weiter erhöht.
Um dieser Kaskade aus Vorurteilen und Rückzug etwas Konstruktives entgegenzusetzen, gewinnt die Fachdebatte um eine Umbenennung (Re-Labeling) zunehmend an Bedeutung. Der historische Begriff „Borderline“ transportiert heute kaum noch fachliche Präzision, dafür aber viele unzutreffende Klischees. Viele Betroffene und Fachleute befürworten daher eine Umbenennung in eine sachlichere Bezeichnung – vorgeschlagen werden etwa „Emotionsregulationsstörung“ oder „emotionale Intensitätsstörung“ (Letztere schnitt in einer britischen Befragung von Patient:innen als wenig kränkend und gut verständlich ab42). Ein solcher Wechsel verschiebt die Perspektive von einem vermeintlichen, tief sitzenden Persönlichkeitsfehler hin zu einer veränderbaren Herausforderung in der Gefühlssteuerung.
Mein Behandlungsansatz für Menschen mit einem Borderline-Muster
Nach den vielen Fakten, Zahlen und unterschiedlichen Therapiekonzepten, die wir in diesem Beitrag beleuchtet haben, möchte ich zum Abschluss meine persönliche Perspektive und meinen aus der Praxis gewachsenen Behandlungsansatz teilen.
In der öffentlichen Diskussion und oft auch im klinischen Alltag wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung vor allem über ihre auffälligen Symptome definiert: impulsive Ausbrüche, rasch wechselnde Gefühle oder wiederkehrende Beziehungsabbrüche. Schaut man jedoch genauer hin, greift diese Betrachtung aus meiner Sicht zu kurz. In meinem therapeutischen Verständnis ist es zentral, diese Symptomatik nicht als die eigentliche Erkrankung zu begreifen, sondern vielmehr als deren direkte Folge.
Stellen wir uns für einen Moment einen Alltag vor, der seit Jahren von einer spürbaren Instabilität bestimmt wird. Ein oft unterbrochener, unregelmäßiger Schlafrhythmus trifft auf Momente tiefer Einsamkeit oder sehr fordernde Beziehungsdynamiken. Hinzu kommen vielleicht ein unübersichtlicher Medikamentenplan oder der ungünstige Versuch, innere Spannungen mit Alkohol oder anderen Substanzen zu lösen. Oft fehlt eine verlässliche Tagesstruktur, etwa durch Erwerbslosigkeit oder das zermürbende Warten auf Unterstützung, was schnell zu einem Gefühl von Sinnlosigkeit und fehlender Wertschätzung führt. Wenn man in diesem Zuge auch noch unregelmäßig isst, zu wenig trinkt, unbehandelte körperliche Beschwerden mit sich herumschleppt oder mitten im Alltag von belastenden Erinnerungen eingeholt wird, ist das Nervensystem schlicht im Dauerstress.
Wer all das regelmäßig und über lange Zeiträume hinweg aushalten muss, wird verständlicherweise aus dem Gleichgewicht geraten. Menschen mit einem Borderline-Muster sind für diese Turbulenzen zwar etwas empfänglicher, das eigentliche Problem ist jedoch oft diese umfassende Instabilität im gesamten Lebensalltag. Mein zentrales Anliegen in der Therapie besteht deshalb darin, zunächst verlässliche Voraussetzungen für Stabilität zu schaffen und gemeinsam Alltagsstrukturen sowie Gewohnheiten aufzubauen, die wirklich tragen.
Manchmal gleicht das innere Erleben dabei einer Art Fahrt mit der Geisterbahn: Das Denken und Handeln wird kurzfristig von einem lauten, hochemotionalen System gekapert. Dieses System entscheidet stur nach einer ganz eigenen Notfalllogik. Es tut stets das, was innerhalb dieser gefühlten Realität im jeweiligen Augenblick absolut vernünftig und rettend erscheint. Dass genau diese kurzfristigen Rettungsmanöver langfristig oft mehr und mehr Schwierigkeiten schaffen, gerät im Moment der akuten Krise zwangsläufig aus dem Blickfeld.
Dass der Weg aus diesem Teufelskreis nicht einfach nur über gute Vorsätze gelingt, liegt meist an zwei wesentlichen Hürden:
Zum einen spielt die emotionale Vermeidung eine große Rolle. Das gesamte Leben wird oft unbewusst darum herum organisiert, einen ganz bestimmten, schmerzhaften Gefühlszustand bloß nicht spüren zu müssen. Hier gilt es in der Therapie zunächst, in Ruhe Wissen zu vermitteln: Wir schauen uns an, was Emotionen eigentlich sind und wie sie sich in die persönliche Lebensgeschichte einordnen lassen. Darauf aufbauend üben wir, uns selbst zu beruhigen – etwa durch gedankliche Distanz, körperliche Techniken oder die gemeinsame Regulation im therapeutischen Gespräch. Gleichzeitig bauen wir die Angst vor den eigenen Gefühlen schrittweise ab. Betroffene wagen es nach und nach, sich den als unerträglich empfundenen Emotionen zu stellen, und lernen, sich dabei selbst mit viel Mitgefühl zu begleiten.
Zum anderen sind die sogenannten Exekutivfunktionen oftmals reduziert. Das sind jene geistigen Fähigkeiten, die wir für Planung und Selbstorganisation brauchen – und die durch Dauerstress, frühere Traumata oder ein begleitendes ADHS spürbar beeinträchtigt sein können. Wenn das der Fall ist, bringt es herzlich wenig, in der Therapie ständig umfangreiche Hausaufgaben aufzugeben, an denen man am Ende nur frustriert scheitert. In solchen Situationen nutzen wir vielmehr die Fähigkeiten der Patient:innen, spontan und nicht-linear neue Lösungen zu finden. Wir besprechen die Themen direkt in der Praxis, probieren sie dort aus und versuchen Impulse für den Alltag zu geben. Oft finden Patient:innen dann auf ihren ganz eigenen, manchmal chaotisch wirkenden Pfaden wunderbare Lösungen. Zentral ist hierbei vor allem, den Glauben an sich selbst und die Fähigkeit zur eigenen Lösungsfindung zu stärken, statt starre Wege von außen vorzugeben.
Damit eine solche Arbeit in der Praxis nicht im chaotischen Abarbeiten von Woche zu Woche versinkt, ist eine durchdachte Fallkonzeption elementar. Wir können nicht von den Patient:innen verlangen, Struktur in die Therapie zu bringen, wenn ihnen das schon in ihrem eigenen Leben nicht gelingt – sonst passiert unweigerlich das berüchtigte Krisenhopping. Gleichzeitig ist es essenziell, den akuten Krisen Raum und Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie sind real, hochgradig belastend und bringen oft destabilisierende Folgen mit sich. Eine tragfähige Fallkonzeption ermöglicht ein echtes Sowohl-als-auch: Indem wir die wiederkehrenden Muster, die zugrundeliegenden Überzeugungen, verhaltensbezogene Defizite und starre Muster sowie neurokognitive Auffälligkeiten identifizieren – sozusagen die zugrundeliegenden Schwierigkeiten, die sich in immer neuen Situationen wiederholen –, zeichnen wir im Spezifischen das Allgemeine nach. So können wir die spezifischen Alltagskrisen nutzen, um darin das übergreifende Thema nachvollziehbar und direkt übbar zu machen. Das dient als verlässlicher Orientierungsleuchtturm für Patient:innen und Therapeut:innen gleichermaßen.
Ein zentraler Kompass für mein persönliches Verständnis von Psychotherapie sind dabei die Grundannahmen der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT). Ohne diese wohlwollende Haltung lässt sich aus meiner Sicht kaum sinnvoll zusammenarbeiten und ich möchte sie hier wiedergeben: Wir gehen stets davon aus, dass Betroffene unter ihrem Zustand wirklich leiden, dass sie sich verändern möchten und in jedem Moment ihr absolutes Bestes geben – selbst wenn das sichtbare Ergebnis von außen betrachtet manchmal noch etwas unglücklich wirken mag. Jedes Verhalten macht im persönlichen Kontext der betroffenen Person zunächst einmal absolut Sinn. Die Patient:innen haben ihre Schwierigkeiten in der Regel nicht selbst verschuldet, müssen sie nun aber leider dennoch selbst lösen. Das bedeutet oft, dass sie sich deutlich mehr anstrengen und härter an sich arbeiten müssen als viele andere Menschen, um im Alltag Fortschritte zu erzielen – was zugegebenermaßen zutiefst ungerecht ist. Das Leben in einer akuten Krise oder bei wiederkehrenden großen Verzweiflungen wird von ihnen oftmals als unerträglich empfunden. Gleichzeitig gilt jedoch der schöne Grundsatz: Patient:innen können in der Therapie eigentlich nicht versagen. Versagen können nur die Therapeut:innen oder der Behandlungsansatz. (Falls das komisch klingt, sollte man mal versuchen, die Logik auf andere Gesundheitsbereiche, z. B. Bluthochdruck, zu übertragen.) Die Patient:innen stehen vor der großen Herausforderung, in nahezu allen Lebensbereichen neue Fertigkeiten erlernen zu müssen, um besser mit sich selbst und ihrem Leben zurechtzukommen.
Daraus ergibt sich für die gemeinsame Arbeit eine feine, aber ganz entscheidende Balance. Einerseits gilt es, eine technisch kühle Abstinenz zu vermeiden, bei der wir wichtiges Wissen und nützliche Werkzeuge vorenthalten. Manchmal herrscht nämlich in der Therapie noch die irrige Hoffnung, Betroffene müssten ganz von selbst auf die Lösung kommen. Das hat jedoch meistens schon das ganze bisherige Leben lang nicht recht funktioniert, sonst könnten sie es ja schon. Andererseits ist es ein absolutes Tabu, den Menschen eigene Werte, Normen oder Lebenskonzepte überzustülpen – selbst dann, wenn sie sich manchmal genau das wünschen würden, um endlich eine klare Richtung zu haben. Das tun wir nicht nur deshalb nicht, weil es fachlich nicht angemessen ist, sondern weil es schlicht nicht funktionieren würde. Wir sind nun mal nicht diese Menschen mit ihrer ganz einzigartigen Biologie, ihrer Persönlichkeit und ihrer individuellen Geschichte. Ein künstlich aufgedrängter Weg wäre niemals nachhaltig. In unserer Rolle als Therapeut:innen sind wir vielmehr eine Art Geburtshelfer:in. Wir halten den geschützten Rahmen und geben Werkzeuge an die Hand, damit die ganz eigenen, passenden Lösungen der Betroffenen in Ruhe reifen können.
Wie bereits weiter oben angesprochen, gleicht das Leben mit dieser Diagnose oft jener anstrengenden inneren Fahrt in der Geisterbahn, bei der kurzfristige, intensive Gefühle das Steuer übernehmen und langfristige Bedürfnisse ungewollt in den Hintergrund drängen. Oft geht damit bedauerlicherweise eine tiefe Selbstablehnung einher. Manchmal führt die Sehnsucht nach echter Ruhe und Geborgenheit in großen Krisen sogar so weit, dass sie fälschlicherweise mit dem Wunsch nach dem eigenen Tod verwechselt wird. Der Weg heraus aus dieser Verzweiflung führt über ein behutsames, schrittweises Akzeptieren der eigenen Realität. Es geht darum, die oftmals bittere Ungerechtigkeit des bisherigen Lebens auch betrauern zu dürfen, um dann die Herausforderungen der Gegenwart dennoch aktiv und mutig anzupacken.
Zu wissen, dass die eigene emotionale Empfindsamkeit vermutlich immer ein Teil von einem bleiben wird, gehört zu diesem Prozess dazu. Die emotionalen Wogen im Leben werden vielleicht immer mal wieder etwas höher schlagen als bei anderen Menschen. Aber man kann lernen, ein:e immer bessere:r Surfer:in zu werden. Man kann üben, das innere Steuer in der Hand zu behalten und kurzfristige Anstrengungen auf sich zu nehmen, damit es einem langfristig endlich besser geht. Das absolute Fundament für jede echte Veränderung ist dabei eine tief verankerte Überzeugung: dass man ein wertvoller, liebenswerter Mensch ist, der es verdient hat, geschützt zu werden, und für den es sich einzusetzen lohnt. Ohne dieses Fundament läuft letztlich jede Therapie ins Leere.
Vom Wissen ins Tun: Abschließende Worte
Wir haben in diesem Beitrag nun eine recht ausführliche Reise von der Entstehungsgeschichte über Hirnscans bis hin zu konkreten Behandlungskonzepten hinter uns gebracht. All dieses Wissen ist wertvoll, um die Borderline-Persönlichkeitsstörung aus der dunklen Ecke der Mythen und Vorurteile zu holen.
Doch im eigentlichen Alltag nützt die beste Theorie nur wenig, wenn sie nicht irgendwann in handfestes Tun übersetzt wird. Genau hier setzt die praktische psychotherapeutische Arbeit an. Es geht nicht darum, wochenlang theoretische Konzepte zu wälzen, sondern gemeinsam auszuprobieren, was ganz konkret am kommenden Dienstag hilft, wenn der Stresspegel im Büro wieder steigt oder eine familiäre Beziehungskrise droht. Das bedeutet zwar einiges an Arbeit und erfordert Mut zur Veränderung, bringt aber Stück für Stück spürbare Entlastung.
Ein Ansatz, den ich in meiner Praxis für diese Übersetzung vom Wissen ins Tun besonders schätze, ist die Schematherapie. Sie bietet eine sehr anschauliche, oft entlastende Landkarte des eigenen Erlebens und stellt konkrete Übungen zur Verfügung, um alte Reaktionsmuster behutsam zu verändern. Wie das in der Praxis genau aussieht, können Sie in Ruhe auf meiner Seite zur Schematherapie nachlesen.
Einen kompakten Überblick, wie ich Menschen mit einem Borderline-Muster in meiner Praxis begleite, finden Sie auf meiner Seite zur Borderline-Therapie in Wien.
Und da der allererste Schritt oft der schwerste ist, versuche ich ihn so unkompliziert wie möglich zu gestalten: Auf meiner Kontakt-Seite finden Sie alle Wege, um mich für ein erstes, unverbindliches Kennenlernen zu erreichen.
Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026

Über den Autor
MMag. Daniel Weigl ist Psychotherapeut (Verhaltenstherapie), Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe mit Praxis in Wien-Favoriten. Er arbeitet mit Verhaltenstherapie und Schematherapie und bildet als Lehrtherapeut künftige Psychotherapeut:innen aus. → Mehr über mich
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Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Psychoedukation. Er ersetzt keine individuelle psychotherapeutische Diagnostik, Beratung oder Behandlung. Wenn Sie sich in einer schweren Krise befinden, wenden Sie sich bitte an den Notruf (z. B. Telefonseelsorge 142 oder den Psychosozialen Dienst Wien unter 01 31330).
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